Occupy Germany, Möchte-Gern-Aktivisten und das Luxus-Revoluzzertum in Deutschland


Es ist mal wieder an der Zeit, ein wenig Dampf abzulassen. Hier also im Folgenden meine Stellungnahme zu ein paar aktuellen Themen:

Zunächst einmal finde ich es mehr als beschämend, wie sich ein großer Teil der Aktivisten in Deutschland verhält. Überall auf der Welt werden friedliche Demonstranten auf das brutalste niedergeknüppelt und teilweise sogar getötet. Diese Menschen haben genauso unterschiedliche Einstellungen zu gewissen Themen, wie die Menschen hier in Deutschland. Der Unterschied: Sie konzentrieren sich auf die Gemeinsamkeiten, anstatt auf die Unterschiede. Wenn ich in den deutschen Gruppen unterwegs bin, sehe ich am laufenden Meter endlose Diskussionen, wo über einzelne Aktivisten in hunderten von Kommentaren diskutiert, gerichtet und sanktioniert wird.

Habt ihr alle schon mal darüber nachgedacht, wie viel Energie zustande kommen würde, wenn ihr euch stattdessen auf das Verbreiten von Informationen konzentrieren würdet?? IGNORIEREN ist das Schlüsselwort, bei Trolls und Provokateuren. Denn auch wenn es vielen schwerfällt, es ärgert diejenigen, die Ärger stiften möchten, am meisten.

Occupy ist für mich schon seit einigen Monaten mehr und mehr zu einem Label verkommen. Ein sehr deutliches Zeichen dafür sind Schilder auf Demos, auf denen ausschließlich Occupy steht. Wir haben vor einem Jahr angefangen mit dem Konsens: Wir wollen keine Labels, sondern Inhalte. Jetzt höre ich von Leuten: „Ja, aber Occupy ist doch Inhalt!“ Wenn das nicht lachhaft ist… Wir wollen Attac und co. dazu bringen, ohne ihre Fahnen zu kommen, aber selbst können wir nicht ohne unser Label??? Peinlich! Genauso seltsam finde ich es, wenn auf einmal nur noch schwarz-rote Fahnen auf einer Demo wehen. Das spiegelt nicht die Bevölkerung wieder und schreckt Passanten eher ab, als dass es sie überzeugen würde, mit uns auf die Straße zu gehen. Vor allem, weil die meisten, die so eine Fahne schwingen, gar nicht wissen, was Anarchie bedeutet, nämlich vor allem Verantwortung und davon haben wir nicht viel bei Occcupy. Dies ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung. Verantwortung zu übernehmen ist nämlich viel schwieriger, als sich die meisten vorstellen. Es bedeutet, Termine und Absprachen einzuhalten, aber vor allem sich bei jeder Handlung zu überlegen, wie es sich auf eine Gruppe auswirkt. Im Klartext = Ego zurückstellen und für die Gemeinschaft handeln.

Dann lese ich immer häufiger äußerst arrogante Sätze über die dummen Deutschen, die partout nicht auf die Straße wollen. Erstens war es in keinem anderen Land anders. Erst wenn dem Menschen das Wasser bis zum Hals steht, wird er seinen Arsch bewegen. Das ist nun mal so und nicht zu ändern. Was bewirkt man damit, wenn man über die „faulen“ Deutschen schimpft? Nun, ganz sicher nicht, dass er nächste Woche mit uns auf der Straße marschiert. Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir die breite Masse der Bevölkerung ansprechen, sie überzeugen, sie da abholen wo sie stehen, im Zweifelsfalle vor RTL! 🙂 Und nebenbei, wir waren alle mal Schlafschafe, vor allem die Occupier sind größtenteils erst erwacht, kurz vor, am oder nach dem 15. Oktober 2011. Und wart ihr alle nicht froh, dass euch damals jemand die Hand gereicht hat, euch Informationen besorgt hat und versucht hat, euch beizustehen, bei dem Schock, dass die Welt gar nicht so ist, wie ihr angenommen habt? Auch deshalb kann Occupy nicht das Label sein, unter welchem sich alle Proteste vereinigen. Denn eine Menge Menschen waren schon lange vor Occupy aktiv, haben Inhalte zusammengestellt, Thesen entwickelt und Protest geprobt. Sie haben deutlich mehr Erfahrung als die Neulinge von Occupy und man kann es ihnen nicht zum Vorwurf machen, dass sie sich einer Zeltbewegung nicht anschließen möchten, an deren Entstehung sie gar nicht beteiligt waren und bei der viele Beteiligte glauben, das Rad neu erfinden zu müssen.

In meinen Augen gilt es die Erfahrungen der alten Hasen und den Enthusiasmus der Neulinge zu bündeln und voneinander profitieren zu lassen!Was ich noch äußerst interessant finde, ist das absolute Desinteresse vieler deutscher Occupier an internationalen Kontakten! Was ja schon aberwitzig ist, da wir hier immer von „global Change“ sprechen, der globalen Bewegung. Ich merke es nicht nur bei Facebook, sondern auch im realen Leben. Wenn wir Gäste aus anderen Ländern haben, wird neugierig geguckt und freundlich gelächelt. Mehr nicht! Anstatt sich Informationen zu besorgen, auszutauschen und persönliche Kontakte zu sammeln, schweigt man lieber, weil man nicht so gut Englisch spricht?!?!Dumm, da persönliche Kontakte einem oft einen kostengünstigen Urlaub bescheren können. Ich könnte morgen eine Europareise machen und alles worum ich mich kümmern müsste, wäre die Fahrt!

Was jedoch vor allem so wichtig ist, ist der Austausch von Informationen. Wie sagte ein Spanier in Brüssel zu mir: „Ihr müsst ja nicht unsere Fehler wiederholen!“Wusstet ihr, dass die Spanier und Griechen Mülltonnen anzünden, weil der Rauch das Tränengas neutralisiert? Solche Dinge erfährt man von persönlichen Kontakten und eher selten auf Fratzebuch!! Könnte uns eventuell irgendwann mal helfen! 😉

Zum Thema Occupy Germany: Wie lächerlich ist es denn bei einer hierachiefreien Bewegung einen Rat oder sonst was zu gründen, in dem dann deutschlandrelevante Themen diskutiert werden?!?! Was macht der Rat denn, wenn eine bockige Occupy-Gruppe in irgendeinem Kuhdorf sich einfach nicht dran hält?? Ist es nicht viel sinnvoller mit möglichst vielen Aktivisten einen Minimalkonsens zu finden und darauf aufzubauen?! So etwas passiert aber nicht auf Fratzebuch, da kann man noch so viele Gruppen gründen. So etwas passiert, wenn man mit Menschen spricht, diskutiert und ihre Meinung achtet. Das Treffen in Düsseldorf war beispiellos für so etwas. Natürlich kann jede Occupy-Gruppe agieren wie sie will, aber wären wir nicht stärker, wenn wir gemeinsam an gewissen Strängen ziehen?

Für mich hat sich das Label Occupy erledigt. Das bedeutet weder, dass ich es boykottiere, noch sonst wie schlecht mache. Ich entziehe ihm lediglich meine Unterstützung. Die lokalen Occupy-Gruppen werden so oder so weitermachen und das ist auch gut so, aber wer glaubt unter dem Label Occupy die deutschlandweite Revolution durchzuziehen, ist naiv. Occupy kann eine von vielen Gruppen sein, die sich am bestehenden Protest gegen das System beteiligt, mehr nicht!

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Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

3 Kommentare zu „Occupy Germany, Möchte-Gern-Aktivisten und das Luxus-Revoluzzertum in Deutschland“

  1. Warum nicht Veranstaltungen unter einem neutralen Aufhänger organisieren.
    Als Beispiel ein Motto wie 2Alternativlos war gestern“, damit könnten sich viele Bündnispartner präsentieren ohne eine Eigenständigkeit aufzugeben. Jeder Bündnispartner hätte die Möglichkeit sich selbst zu präsentieren. Man kann ja einige Agreements einbauen, z.B. dass kein Bündnispartner den anderen madig macht..
    Solche Veranstaltungen bundesweit durchführen, damit die Menschen endlich die Chance bekommen, Alternativen kennenzulernen. Denn ohne ein Bündnis weden die kleinen Parteien immer nur 2Sonstiges“ bleiben. Doch für „sonstiges“ interseeiert sich nun mal keiner!

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