Wie ich Vegetarierin wurde…


Um einige, noch Unentschlossene anzuregen, möchte ich hier gern meinen Weg in den Vegetarismus erläutern.

Als ich noch unpolitisch unterwegs war, aß ich jeden Tag Fleisch. Allgemein ernährte ich mich so ungesund wie es nur ging. Da ich allein lebte und einen stressigen Job in der Gastronomie hatte, kaufte ich mir oft Fast Food nach der Arbeit, da alleine kochen nur wenig Spaß macht und ich nach der Arbeit oft zu kaputt war, um mich noch in die Küche zu stellen. Das Frühstück bestand bei mir aus Kaffee und/oder Red Bull und Zigaretten, auf dem Weg zur Arbeit. Heute graust es mir, wenn ich daran denke.

Dann zog ich ins Occupy Düsseldorf Camp ein und war zum einen darauf angewiesen, was die Leute so spendeten, aber auch was die anderen so essen wollten, denn gekocht wurde oft gemeinsam. Nie vergesse ich meinen ersten veganen Gyros im Chaos-Dorf in Düsseldorf. Es überraschte und beeindruckte mich nachhaltig, dass man den Fleischgeschmack so perfekt nachstellen konnte. Nichts desto trotz wurde natürlich auch Wurst und Fleisch gespendet, im Camp. Und ich merkte es meinem Körper deutlich an, wie abhängig er davon war. Auch wenn ich mich selbst quasi einer Radikalkur in Sachen Ernährung unterzog, gezwungenermaßen, konnte ich auf das Fleisch gelegentlich nicht verzichten. Den größten Teil des Essens erhielten wir von einem Markt in der Nähe. Kurz vor Schluss gaben uns die meisten Stände alles, was sie sonst weggeschmissen hätten. Da wir im Camp auch einige Veganer*Innen hatten, wurde fast ausschließlich vegan gekocht. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass Gemüse einen solchen Geschmack hat und eine einfache Gemüsepfanne so lecker sein kann und vor allem so nachhaltig satt macht. Anders als Fast Food ist man von gesundem Essen tatsächlich mehrere Stunden satt.

Als das Camp geräumt wurde, hatte ich meinen Fleischkonsum so weit im Griff, dass ich nur gelegentlich Wurst aß und ca. einmal die Woche Fleisch zum Mittagessen. Und ich war stolz darauf und halte das auch heute noch für gerechtfertigt. Jedes Fleisch auf das man verzichten kann, ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Als ich vor ca. drei Wochen Frikadellen zubereitete fühlte ich zum ersten Mal eine Art Ekel beim Gehacktes kneten. In den vergangenen Monaten hatte ich nicht nur zahlreiche Gespräche mit Veganer*Innen und Vegetarier*Innen geführt, ich hatte vor allem auch einen Einblick darin bekommen, wie vielfältig und lecker vegetarisches und veganes Essen sein kann. Ich aß die Frikadellen trotzdem, fand sie sogar lecker, aber schon einige Tage später bemerkte ich, dass es wohl an der Zeit war, den nächsten Schritt zu gehen.

Vegetarierin zu sein ist für mich auch ein politisches Statement. Fleischkonsum zu boykottieren, um auf die Leiden der Tiere durch Massentierhaltung und Schlachtung aufmerksam zu machen, kann in der Öffentlichkeit ein Echo erzeugen.

Seit diesem Tag vermisse ich nichts, aber fühle mich deutlich wohler. Mein Seelenleben dankt mir diese Entscheidung wohl auf eine ganz spezielle Weise.

Mein Appell an alle, die mit dem Gedanken spielen Vegetarier*In oder Veganer*In zu werden:

Nehmt euch die Zeit die ihr dafür braucht und lasst euch nicht unter Druck setzen, weder von anderen, noch von euch selbst. Der Weg ist das Ziel. Wenn es euch schwer fällt, speziell wenn ihr einen hohen Fleischkonsum habt, oder Frauen seid, die ja während ihrer Periode den Bluthaushalt über Fleischkonsum ausgleichen, macht es so wie ich und stellt eure Nahrung Schritt für Schritt um. Sucht euch Rezepte für vegetarisches und/oder veganes Essen im Internet raus und versucht euch daran, wenn ihr noch Fleisch esst. Trefft euch mit anderen Vegetarier*Innen und Veganer*Innen und tauscht euch aus. Viele freuen sich über das Interesse und können euch gute Tipps geben.

Mein Appell an die Vegetarier*Innen und Veganer*Innen:

Gebt den Leuten Zeit und urteilt nicht. Nichts hat mich so sehr vom Veganismus abgeschreckt wie die „Veganist*Innen“, die einen anschreien, wenn man ein Wurstbrot in der Hand hält. Helft nur da, wo ihr auch drum gebeten werdet. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Von heute auf morgen seine Ernährung umzukrempeln ist kein einfacher Schritt und zusätzlicher Druck von außen ist da nicht hilfreich. Wenn ihr Leute überzeugen wollt, dann bitte mit positiver Konditionierung. Bringt vegetarisches und/oder veganes Essen zu euren Freund*Innen mit und lasst sie probieren, ohne ihnen vorher zu sagen, was es ist. 😉

Letzten Endes kann man das auch auf alle anderen Bereiche des Lebens übertragen. Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir Leute dazu bewegen, sich aus freien Stücken und aus eigener Überzeugung unserer Richtung anzuschließen. Wenn wir Druck ausüben, verhalten wir uns nicht besser, als diejenigen, die wir anprangern.

Und wenn wir den Kapitalismus abgeschafft haben, wird es auch für alle Menschen möglich sein, auf Fleisch aus Massentierhaltung zu verzichten, weil dann alle veganen und vegetarischen Produkte für jeden erschwinglich sein werden! 😉

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Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

2 Kommentare zu „Wie ich Vegetarierin wurde…“

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