Anarchismus – oder wie ich mir die Welt nach der Revolution vorstelle


Wenn ich mich mit „Revolutions-Kritiker*Innen“ auseinandersetze, höre ich oft den Einwand: „Ja, wie soll die Welt denn aussehen, deiner Meinung nach?“ Auf diese Frage möchte ich jetzt mal eine Antwort geben.

Dass es keine Kriege, Ausbeutung, Ungerechtigkeiten, Ressourcen-Verschwendung, Umweltschädigung, usw. gibt, ist natürlich klar. Aber wie soll ein System aussehen, in dem das alles nicht passiert? Wie sollen wir die Welt organisieren, um allen Menschen gerecht zu werden?

Meine Vorstellung davon lehnt sich an dem Spruch „Think global – Act local“ an. Entscheidungen sollten immer nur von denjenigen getroffen werden, die auch von dieser Entscheidung betroffen sind. Warum soll Brüssel über Wasserhähne entscheiden, wenn dies auch jeder für sich selbst tun kann? Dieses neue System setzt natürlich voraus, dass alle Menschen willens sind, sich an Entscheidungen zu beteiligen, freien Zugang zu Bildung haben, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können und keine Machtstrukturen existieren, mit denen die Entscheidungen eines einzelnen beeinflusst werden können.

Das Rätesystem

Hier kommen wir zum anarchistischen Rätesystem, welches mir bis jetzt von allen alternativen Systemen am besten gefällt. Erklären lässt sich dieses gut an den Asambleas in Spanien. Nehmen wir als Beispiel die Stadt Barcelona:

In Barcelona gibt es für jedes Thema und jeden Stadtbezirk eine eigene Asamblea. Alles was dort entschieden wird, wird in die große Stadtasamblea getragen, dort vorgestellt und das Feedback wird wieder in die „kleine“ Asamblea zurückgesendet. Hierbei gibt es natürlich einiges zu beachten.

Damit diejenigen, die die Entscheidungen weitervermitteln ihre „Macht“ nicht ausnutzen können, muss Transparenz herrschen. Sobald einer dieser „Abgeordneten“ nicht mehr im Sinne der Asamblea handelt, von der aus er/sie geschickt wird, wird er/sie ausgetauscht.

Die Stadtasamblea kann nur dann Entscheidungen der kleinen Asambleas be- oder verhindern, wenn sie die ganze Stadt betreffen.

Hat jemand ein Veto, sprich ist mit einer Entscheidung nicht einverstanden, muss das begründet werden. Nur wenn die Asamblea das Veto anerkennt, ist es gültig. So können Entscheidungen nicht von Einzelpersonen boykottiert werden.

Basisdemokratie, aber wie?

Basisdemokratie bedeutet nicht, dass alle überall mitentscheiden müssen. Das kann auch gar nicht funktionieren, so viel Zeit hat man als Einzelperson ja gar nicht, soll ein ganzes System organisiert und aufgebaut werden. Das heißt im Klartext, jede/r muss für sich selbst entscheiden, wo seine/ihre Stärken liegen und in welchem Bereich er/sie sich einbringen will. Nur wer mitarbeitet, kann auch Entscheidungen beeinflussen. Dabei spielt es keine Rolle, wie viel der/diejenige „arbeitet“, entscheidend ist viel mehr, dass ein Wille zur gemeinsamen Arbeit erkennbar ist. Auch das filtert sogenannte „Trolle“, die nur die Arbeit anderer torpedieren wollen, heraus.

Diskussionen werden nicht auf persönlicher Ebene geführt. Dies ist ein typisch deutsches Problem, was ich feststellen konnte, als ich in Spanien an einigen Asambleas teilgenommen habe. Verschiedene Meinungen sind nichts schlechtes, ganz im Gegenteil. Oftmals entsteht im Austausch dieser Meinungen eine ganz neue Idee, die sich aus beiden Meinungen zusammensetzt. Auch das Eingestehen von Fehlern ist keine Schwäche. Dies zu lernen ist für diese Art des Zusammenarbeitens unverzichtbar. An der eigenen Meinung aus purem Trotz oder Stolz festzuhalten, lähmt eine Bewegung und kann sogar den gesamten Prozess der Entscheidungsfindung zum Erliegen bringen. Privates und „Berufliches“ müssen getrennt werden. Nur so kann man sich nach einem kontrovers geführten Gespräch trotzdem herzlich voneinander verabschieden und schädigt nicht die Stimmung der gesamten Asamblea.

Aber es gibt doch auch Entscheidungen, die uns alle betreffen?

Das Internet, Stromversorgung, Ressourcenaufteilung, usw. sind natürlich Dinge, die nicht von kommunalen Gruppen allein getroffen werden können. Hierbei könnte das Internet bei der Entscheidungsfindung helfen. Die Piraten wollen mit „Liquid Democracy“ diese Art der Entscheidungsfindung fördern. Nehmen wir mal ein konkretes Beispiel, Ressourcenaufteilung. De facto gibt es auf unserer Erde genügend Ressourcen, um alle Menschen satt zu bekommen. Sie sind nur ungerecht verteilt. Wollen wir also eine Entscheidung über die Ressourcen treffen, muss zunächst analysiert werden, wo welches Ressourcen vorkommen, wie sie an- und abgebaut und verarbeitet werden können und wo sie gebraucht werden. Dann muss entschieden werden, wer welche Aufgaben übernimmt und wie die Ressourcen verteilt werden. Mit Hilfe der heutigen Technologie wären diese Aufgaben leicht über das Internet lösbar, vorausgesetzt jede/r hat einen Internetzugang, das nötige Hintergrundwissen über unseren Planeten und seine Ressourcen und natürlich das Vertrauen in den Rest der Menschheit, dass niemand sich mehr nimmt als er/sie braucht. Über das Internet ließe sich die gerechte Verteilung unserer Ressourcen leicht organisieren.

Allgemein lässt sich aber sagen: Je mehr auf kommunaler Ebene entschieden wird, desto besser. Warum? Weil diejenigen, die von Entscheidungen direkt betroffen sind, auch am ehesten die Lage beurteilen können und am besten entscheiden können, welches der richtige Weg ist. Dies ist deutlich an der heutigen EU, aber auch allgemein an unserer Politik zu erkennen. Immer häufiger werden von ganz oben Entscheidungen getroffen, die eine einzelne Region betreffen und dort organisiert sich dann innerhalb von wenigen Wochen breiter Widerstand dagegen. Beispiele? Wendland, Fracking, die Stromtrasse in NRW, Stuttgart 21, oder noch lokaler, das Barbie-Dream-House in Berlin.

Welche Regeln brauchen wir?

Anders als es oft dargestellt wird, gibt es in der Anarchie sehr wohl Regeln. Anders würde ein Zusammenleben ja auch nicht funktionieren. Der Unterschied zum Kapitalismus ist derjenige, dass diese Regeln bei Bedarf von den Betroffenen aufgestellt werden und zwar nur dann. Das bedeutet im Klartext, so wenig Regeln wie möglich. Dies sichert auf der anderen Seite die größtmögliche Freiheit des Einzelnen.

Alles für alle – und zwar umsonst?

Die Kritiker*Innen werden jetzt sagen: „Wenn alles auf freiwilliger Basis läuft, dann macht doch keiner mehr was.“

Dem widerspreche ich vehement. In einem anderen Blogartikel habe ich bereits erklärt, dass ich daran glaube, dass der größte Teil der Menschheit willens ist, sich am Aufbau und Erhalt eines Systems zu beteiligen, in dem er/sie einen Sinn erkennt. Die Zwangsarbeit wurde im Kapitalismus nur deshalb instruiert, weil immer mehr Menschen erkennen, dass ihr Job im Grund wertlos ist. Immer mehr Berufe tragen nicht zum Wohle der Menschheit bei, ganz im Gegenteil. Diejenigen, die es tun, werden immer schlechter bezahlt. Hätten wir ein System, in dem der Beitrag des Einzelnen Sinn machen würde, würde die große Mehrheit der Menschen wahrscheinlich weit mehr arbeiten, als sie es bisher getan hat. Ein kleines Beispiel: Jemand der heute in einer Tomatenfabrik arbeitet, bekommt am Ende des Monats seinen Lohn und das war’s. In einem neuen System, in dem Tomaten regional angebaut werden und nur dorthin exportiert werden, wo sie nicht wachsen können und trotzdem benötigt werden, hätte der einzelne Arbeiter einen Bezug zu seinem Job, denn das was er produziert, landet bei seinen Nachbar*Innen, seiner Familie, seinen Freund*Innen und garantiert allen genug Tomaten. Dafür wären ihm diejenigen, die diese Tomaten erhalten, natürlich dankbar. Dies gezeigt zu bekommen, Wertschätzung für das eigene Handeln zu erfahren, spornt mehr an als noch so viele Euros. Außerdem würde das wahrscheinlich auch dazu führen, dass alles mehr geschätzt wird. Denn schmeiße ich die Tomaten achtlos weg, trete ich die Arbeit meines Nachbarn mit Füßen.

Die hohle Phrase Transparenz

Weswegen das Wort Transparenz so in Verruf geraten ist, ist eigentlich logisch. Denn vollkommene Transparenz würde die Abschaffung der Privatsphäre bedeuten. Transparenz muss nur dort herrschen, wo sie auch benötigt wird. Bedeutet im Klartext: Wenn ich eine der „Abgeordneten“ einer kommunalen Asamblea bin, so hat es den Rest dieser Asamblea nicht zu interessieren, was ich in meinem Privatleben treibe, mit wem ich ins Bett gehe, oder ob ich rauche. Was allerdings veröffentlicht werden muss, ist ob und wie ich meinen „Job“ als „Abgeordnete“ mache. Auf diese Veröffentlichungen muss jede/r Zugriff haben, denn als „Abgeordnete“ spreche ich für andere.

Meinungsfreiheit – Und was ist mit den Nazis?

In der Anarchie, an die das Rätesystem angelehnt ist, herrscht das Credo: Meine Freiheit hört da auf, wo sie die eines anderen einschränkt. Rassismus, Faschismus und andere menschenverachtende Ideologien sind keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Deshalb darf diesen Ideologien kein Raum für ihre Verbreitung gegeben werden. Erst wenn Nazis nirgendwo mehr Gehör finden, werden sie zum Umdenken gebracht. Das bedeutet nicht sie einfach zu ignorieren. In einer freien Gesellschaft muss offensiv gegen diese Verbrechen vorgegangen werden, und zwar auf allen Ebenen.

Warum ich an dieses System glaube

Weil es sich bereits auf unterschiedlichsten Ebenen in den unterschiedlichsten Ländern bewährt hat. In großen Teilen Spaniens während des Bürgerkriegs organisierten sich die Menschen anarchistisch. Auch in Ungarn gab es Anarchismus und wahrscheinlich noch in vielen anderen Ländern. Doch nicht nur dort funktionierten anarchistische Modelle. Selbstorganisierte Projekte werden fast immer anarchistisch organisiert, auch wenn sich die Beteiligten darüber oft gar nicht im Klaren sind. Selbst eine Beziehung kann anarchistisch sein. Dann nämlich, wenn versucht wird den Anderen so zu akzeptieren wie er ist und keine Seite Macht ausübt. Man versucht stattdessen während einer Streitfrage einen Kompromiss zu finden, oder lässt zwei verschiedene Meinungen zu einem Thema in einer Beziehung zu.

Nebenbei bemerkt: Viele linke Gruppen und Organisationen sind alles andere als anarchistisch organisiert. Dies hat wohl den Hintergrund, dass im kapitalistischen System für politisches Engagement oft wenig Zeit bleibt. Um trotzdem handlungsfähig zu sein, bilden sich dann in vielen Gruppen Hierarchien, in denen diejenigen, die am meisten machen, auch am meisten zu sagen haben. Diejenigen, die sich nicht so stark einbringen können, sind oftmals noch dankbar dafür, dass jemand ihnen die Entscheidungen abnimmt und sie selbst nur als Befehlsempfänger*Innen fungieren, die zum angesagten Zeitpunkt auf der entsprechenden Demonstration auftauchen müssen. Natürlich ist das ein großes Problem in der linken Szene, was allerdings in meinen Augen nur gelöst werden kann, wenn beide Seiten, die Befehlsgeber*Innen und die Befehlsempfänger*Innen, sich über ihre Positionen klar werden und versuchen diese zu ändern. Das Internet bietet uns mit Mumble, Teamspeak, Pads, IRC, Doodle, usw. etliche Tools an, mit denen man auch abends, nach der Arbeit, von zu Hause aus, an demokratischen Prozessen teilhaben kann. Natürlich muss man sich mit diesen Tools vertraut machen, um sie benutzen zu können. Doch anders als kommerzielle Programme, die oft sehr kompliziert gestaltet sind, sind die meisten dieser Tools, die ich oben aufgezählt habe, sehr einfach aufgebaut, so dass es einen nur wenige Minuten kostet sie zu erlernen. Wer also wirklich etwas ändern und mitwirken will, der hat die Möglichkeit dazu.

Am Ende gilt: Alles ist Politik und nur wenn alle diese Politik gestalten kann das System funktionieren. Denn das ist wohl eins der größten Probleme unserer Zeit. Wir geben unsere Verantwortung für die Welt mit einem Stimmzettel ab. Doch unterm Strich geben wir damit auch unser Leben ab, denn Politik betrifft uns alle und zwar auf jeder Ebene, in jeder Lebenslage und oft genug zu unserem Nachteil.

Politisieren wir uns, holen wir die Politik aus den Parlamenten, Rathäusern und dem Bundestag und bringen sie auf die Straße, ins Internet, in die Häuser und Wohnungen und in die Köpfe aller Menschen! Wir brauchen keine Regierung – Wir regieren uns selbst!

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Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

2 Kommentare zu „Anarchismus – oder wie ich mir die Welt nach der Revolution vorstelle“

  1. Hallo,
    ich habe mich gefreut, einen Artikel gefunden zu haben, der sich der Aufgabe stellt, konkreter zu machen, wie man sich eine anarchistische Gesellschaft vorstellen kann. Ein paar Fragen stellen sich mir aber nach wie vor. Vielleicht magst du noch ausführen?

    Zunächst finde ich es gar nicht selbstverständlich, dass es keine Ungerechtigkeit, Ausbeutung, Ressourcenverschwendung und keinen Krieg mehr geben wird. Wenn bspw. bei zwei ähnlichen Fällen das Veto eines Betroffenen von der Asamblea einmal akzeptiert und einmal abgelehnt wird, oder sich ein Mensch doppelt so viel in einem öffentlichen Projekt engagiert aber nur halb so viel Anerkennung bekommt wie ein anderer, der viel weniger tut, wäre das doch ungerecht. Hältst du solche Fälle für unmöglich? Und wenn sich zwei Kommunen um eine natürliche Ressource – eine Erzmine oder besonders fruchtbarer Boden oder ein Platz an einem Fluss – streiten, wieso ist es ausgeschlossen, dass es zwischen diesen Kommunen zu einer militanten Lösung des Streits kommt? Gerade Kommunen, und die anarchistische Gesellschaft scheint meist kommunal gedacht zu werden, sind doch anfällig für gewaltsame Übernahmen. Du erwähnst ja selbst Spanien, das sich gegen Francos Putsch auch nicht verteidigen konnte.

    Zu den Räten: du hast geschrieben, dass der Rat entscheidet, welchem Veto stattgegeben wird und welchem nicht – ich vermute durch Mehrheitsbeschluss. Ist das nicht eine Herrschafts-handlung? Ich stelle mir einen Fall vor, in dem der öffentliche Nutzen gegen den privaten Schaden eines Betroffenen abgewägt werden muss. Der Betroffene legt ein Veto ein, weil ein Telefonmast vor seinem Fenster den Wert seines Grundstücks verringern würde (oder so etwas ähnliches); der Rat aber entscheidet, dass es wichtiger ist, dass Leute in der Umgebung mobil telefonieren können, und lehnt das Veto ab. Das Wohl des Einzelnen wird zum Wohl der Allgemeinheit eingeschränkt – durch Mehrheitsbeschluss. Das klingt nach der demokratischen Idee, die dem Rechtsstaat zugrunde liegt. Dass einem Missbrauch des Vetorechts vorgebeugt werden muss, sehe ich genau so, aber ist es noch Anarchie, wenn der Rat die Entscheidungsgewalt hat?

    Unter dem Stichwort Basisdemokratie hast du geschrieben, dass es nicht auf die Menge der geleisteten Arbeit ankomme, sondern bloß auf den Willen, sich zu beteiligen. Mir ist noch nicht klar, inwiefern das „Trolle“ ausschließt. Außerdem: lädt das nicht Täuscher ein, die überzeugend so tun, als hätten sie den Willen, sich zu beteiligen, tatsächlich aber nur oder zumindest überwiegend abgreifen, was andere leisten? Und wäre das nicht ungerecht, um auf die obige Frage zurückzukommen?

    Zu der Frage, welche Regeln in der Anarchie gelten sollen, hätte ich gerne viel mehr gehört. Ich habe nicht verstanden, wie du es gemeint hast, dass Regeln bei Bedarf von den Betroffenen aufgestellt werden. Vielleicht so, dass man solange darauf wartet, eine Altersbeschränkung für Alkohol einzuführen, bis tatsächlich betrunkene Jugendliche häufig in Unfälle geraten; aber diese Regel käme ja nicht von den Betroffenen, den Jugendlichen … außerdem: wenn in einer Kommune Alkoholverbot gilt und in einer anderen nicht, ist das dann gerecht? Wer entscheidet darüber, welche Regel verbindlich wird und welche nicht? Der Rat durch Mehrheitsbeschluss? Wenn ja, wie ist aber dann die Regel gerechtfertigt, dass der Rat über Vetos entscheidet – das kann ja nicht vom Rat selbst eingeführt worden sein. Wie unterscheidet sich das Verfahren von der Legislative eines Rechtsstaats? Gibt es bei vermeintlichem Regelverstoß einen unparteilichen Richter, der entscheidet, ob es tatsächlich ein Regelverstoß war und was die Strafe sein soll oder gibt es bloß die spontane Bildung eines Mobs? Gibt es überhaupt Strafen? Wenn ja, wer führt sie aus und sind sie nicht eine Form von Herrschaft?
    Du schreibst beim Stichwort Meinungsfreiheit selbst, dass offensiv gegen Verbrechen vorgegangen werden muss. Braucht also auch deine anarchistische Gesellschaft eine Polizei? Wie ist diese Offensive organisiert und wem gegenüber muss sie sich verantworten?

    Das Beispiel des Tomatenfabrikarbeiters leuchtet mir nicht ein. Auch im Kapitalismus werden die Tomaten doch gegessen. Wieso kann sich der Arbeiter nicht jetzt schon freuen, dass die Tomaten auf jemandes Teller landen?

    Ich würde mich freuen, könnte ich zu diesen Punkten genauer hören, wie du dir die anarchistische Gesellschaft vorstellst.

    Beste Grüße,
    Daniel

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