#Twitter, ein Werkzeug der #Revolution, nicht nur für #OccupyGezi


Aus dem Leben einer Netzaktivistin…

Aufgrund von zahlreichen Nachfragen möchte ich in den folgenden Zeilen gerne erläutern, wie ich Twitter als Kommunikations- und Informationskanal nutze.

Ich werde in den kommenden Wochen und Monaten das Thema sicher noch weiter ausbauen, da Twitter viel vielfältiger nutzbar ist, als viele denken und es dabei sehr viel zu erklären gibt. In diesem Artikel werde ich also nur auf einige Dinge detailliert eingehen. Falls Fragen bestehen, stehe ich euch aber jederzeit zur Verfügung. @V_VictOry auf Twitter oder per Mail an viktoriaocc@gmail.com.

1. TweetDeck

Tweet Deck ist ein Twitter Client mit dem man mehrere Accounts gleichzeitig bedienen kann. Doch auch für diejenigen, die nur einen Account haben, empfiehlt sich TweetDeck aus folgenden Gründen:

Auf TweetDeck kann man innerhalb eines Fensters verschiedene „Columns“ erstellen. Columns sind Reihen, in denen man z.B. gezielt und gefiltert Hashtags verfolgen kann. Wie filtere ich ein Hashtag sinnvoll?

Wenn ich möglichst aktuell über die Vorgänge in der Türkei berichten möchte, empfiehlt sich z.B. das Hashtag #occupygezi. Ich filtere dann für mich die englischen Tweets raus, da ich kein türkisch verstehe. Dann schmeiße ich aus meiner Suche die Retweets raus, so dass mir nur „frische“ Tweets angezeigt werden. Außerdem kann ich, bei Bedarf, Spam-Accounts herausfiltern.

2. Seriöse Quellen?

Natürlich kann ich nie zu 100% sicher sein, dass mir nicht via Twitter gerade eine Fehlinformation übermittelt wird, sei es absichtlich oder unabsichtlich. Doch es gibt für mich mehrere Möglichkeiten diese Wahrscheinlichkeit zu reduzieren. Zunächst suche ich bevorzugt nach Tweets mit Fotos. Hierbei ist noch darauf zu achten, ob der/diejenige, der/die das Foto twittert, es auch gemacht hat. Im Normalfall werden diejenigen, die die Fotos hochladen erwähnt, wenn ihre Fotos für andere Tweets benutzt werden.

Als nächstes schaue ich mir die Accounts genau an. Hat jemand viele Follower*Innen und viele Tweets ist es sehr wahrscheinlich, dass seine Infos seriös sind. Die Schwarmintelligenz liegt selten falsch.

Dann versuche ich andere Tweets zu finden, die mir die Informationen bestätigen. Gerade in der Türkei benutzen sehr viele Aktivist*Innen Twitter, so dass im Normalfall immer mindestens zwei Accounts von einem Geschehen berichten, und sei es nur eine kleine Straßenschlacht in einer Seitenstraße.

3. Worauf achten?

Natürlich zunächst einmal auf Spam-Accounts, wie oben schon erwähnt. Der chronologischen Übersicht zuliebe sollten wir immer versuchen, nicht nur Uhrzeit sondern auch, wenn möglich, den Ort in den Tweets zu erwähnen. Warum? Diejenigen, die in diesem Moment auf den Straßen von Istanbul unterwegs sind, verfolgen den Hashtag ja genauso wie wir, diejenigen, die zu Hause vor dem PC sitzen. Es hilft den Leuten dabei, sich hierhin oder dahin zu bewegen, wenn sie anhand des Hashtags genau erkennen können, wo gerade was in der Stadt passiert.

4. Die Live-Twitterei

Abschließend möchte ich noch auf meinen „zweiten Job“ eingehen, das Live-Twittern. Mein Twitter-Account ist quasi ein Live-Ticker von Demos, Aktionen, Kundgebungen oder Veranstaltungen. Der Flexibilität und Kreativität wo man Twitter einsetzen kann sind keine Grenzen gesetzt. Warum?

Wenn ich z.B. von einer Demo twittere, schaue ich mir vorher an, ob es bereits einen Hashtag für die Veranstaltung gibt. Wenn nicht denke ich mir selbst einen aus, spreche mich gegebenenfalls mit anderen Live-Twitterer*Innen ab und gebe den Hashtag vorher mit einer Beschreibung der Demo an. Dann markiere ich jeden Live-Tweet mit diesem Hashtag, damit Leute, die auf einen Tweet stoßen und mehr Infos haben wollen, sich nur die Tweets anschauen müssen, die unter diesem Hashtag zu finden sind.

Warum es sinnvoll ist die Uhrzeit und den Ort anzugeben, hatte ich ja schon erklärt. Auch wenn in Deutschland die meisten Demos zur Zeit noch friedlich verlaufen und die Menschen sich hier noch nicht allzu häufig vor Tränengas in Hotels verstecken müssen, so halte ich es doch für wichtig uns auf Repressionen dieser und ähnlicher Art vorzubereiten. Dazu gehört eben auch die sinnvolle und verantwortungsbewusste Benutzung von neuen Medien und Netzwerken.

Was gibt es zu berichten?

Da Twitter sehr schnelllebig ist, ist es nicht weiter schlimm, wenn man mehr als einmal erwähnt, worum es bei der Demo geht, wie viele Menschen es sind, wo die Demo hingeht, usw. Außerdem twittere ich immer auch die Bullenbewegungen, sprich: Wie viele Wannen stehen in den Seitenstraßen?, Haben die Bullen die Helme auf?, Benutzen sie ihre Kamera?, usw.. Auch Zivis können gut getwittert werden. Sie mögen es nicht enttarnt zu werden. Unverständlicherweise verhalten sie sich aber meistens so auffällig, dass es für jeden/jede einigermaßen erfahrene/n Demogänger*In ein Leichtes ist, sie zu erkennen. Knopf im Ohr, am Rande der Demo hin und herlaufend, mit sich selbst redend und immer ein wenig abfälliger Gesichtsausdruck. Man möchte wohl betonen, dass man nicht zu dem „Gesindel“ gehört. Gerne treten sie auch in Gruppen auf. Häufig haben sie betont unauffällige Klamotten an und oft „gute“, teure Schuhe. Sie reihen sich nie in die Demo ein, kennen niemanden und haben auch keine Taschen mit Essen, Eddings und sonstigen Demo-Utensilien dabei.

Grundsätzliche Regeln beim Live-Twittern:

1. Bei Portrait-Aufnahmen von Demonstrant*Innen mit ihren Fahnen, Bannern, Schildern, Kostümen gilt: Immer vorher fragen, ob die Gesichter erkennbar sein dürfen. Wenn nicht, Gesichter abschneiden oder Fotos verpixeln.

2. Bei Aufnahmen vom Demozug eine geringe Auflösung einstellen, so dass Gesichter nicht zu erkennen sind.

3. Wenn möglich deutlich sichtbar als „Presse“ gekennzeichnet herumlaufen. Gelbe Warnwesten besprühen oder ein Schild auf den Rücken heften sind gute Möglichkeiten, um denjenigen, die nicht auf Bildern oder Videos auftauchen wollen, rechtzeitig die Möglichkeit einzuräumen, zu verschwinden.

Natürlich kann es immer passieren, dass Leute auf Fotos identifizierbar sind. Wir sind Menschen und machen Fehler und auch die Technik ist nicht perfekt. Dass die zahlreichen Überwachungskameras und die Filmerei der Bullen und Mainstream Presse unsere Arbeit vollkommen zunichte macht, darauf gehe ich jetzt mal nicht ein. Mir geht es vor allem darum, der oft recht scheuen alternativen Szene eine Hand zu reichen, zu erklären, warum eigene Medien wichtig sind und zu zeigen, dass auch ich trotzdem Strukturen schützen möchte. In den letzten Wochen habe ich häufiger erlebt, dass „Antifas“ mir dabei behilflich waren die Demo-Route zu twittern oder sich auch sonst sehr interessiert an meiner Arbeit gezeigt haben. Das ist für mich ein riesiges Kompliment, was ich mir aber wahrscheinlich auch hart erarbeitet habe. Denn wenn wir über den „schwarzen Block“, die Antikapitalist*Innen und die radikale Linke ehrlich und transparent berichten wollen, geht das nur, wenn diese Gruppen und Menschen mit uns kooperieren und zusammenarbeiten. Und wenn wir der Bevölkerung nahebringen wollen, dass wir das System zerstören wollen, um uns allen ein besseres Leben zu ermöglichen, müssen wir eine Gegenöffentlichkeit zu den Mainstream Medien aufbauen.

In diesem Sinne, ran an die Smartphones, aber bitte mit Köpfchen! 😉

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Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

6 Kommentare zu „#Twitter, ein Werkzeug der #Revolution, nicht nur für #OccupyGezi“

  1. »The Revolution will not be tweeted.« Nur um mal ein formlose Kritik hinzuwerfen. Twitter ist nett und als Informationsquelle sinnvoll. Aber mehr ist das auch nicht. Internet weg…und dann?! Es wird immer nur ein Hilfsmittel bleiben, mehr nicht. Noch dazu: Je detailierter getwittert wird, desto detailierter versorgt man (unbeabsichtigt) den_die Gegner_in mit Informationen. Im Endeffekt kann sowas auch ganz schön schädlich sein. Aber viel Spaß. Und ach ja, vielleicht solltest du dir ein größeres „Presse“-Schild an die Weste heften. Son kleines orangenes kann man auf die Entfernung nicht mehr so recht erkennen und dann wirst du wohl eher für eine_n Ordner_in (je nach Demo) oder jemand unbeteiligtes gehalten. Eine Möglichkeit wäre auch, einfach tatsächlich Pressevertreter_in mit offizielem Presseausweis zu werden. Also zumindest würde ich das tun, wenn ich so engagiert von allem Berichten wollen würde wie du.

    1. Hallo Andreas,
      vielen Dank für deinen Kommentar, zu dem ich jetzt sehr gerne Stellung nehme.
      1. Twitter ist nicht nur eine Informationsquelle, sondern weit mehr. Darüber wird organisiert, kommuniziert, mobilisiert und informiert, und das themen- und ortsbezogen, mit Hilfe von wenigen Klicks.
      2. Natürlich wird es ein Hilfsmittel bleiben. Ohne Aktionen auf der Straße brauchen wir Twitter nicht. Aber warum nicht die Hilfsmittel bestmöglich nutzen, die uns zur Verfügung stehen?
      3. Angesichts PRISM, INDECT, Überwachungsdrohnen, HD-Kameras, usw. mache ich persönlich mir keine Illusionen darüber, dass alles was ich tue irgendwo vermerkt wird. Der Öffentlichkeit Informationen vorzuenthalten, um sie denjenigen, die technisch weitaus besser ausgerüstet sind als wir und uns de facto schon überwachen, nicht in die Hände zu spielen, halte ich mindestens für widersprüchlich.
      4. Wo kann ich dir denn meine Kontonummer hinschicken, damit du mir das Geld für die professionelle Ausrüstung einer Journalistin überweisen kannst? Entschuldige, aber du weißt nichts über meinen finanziellen Hintergrund, weißt aber sehr wohl, dass ich ständig durch die Gegend reise, um live zu twittern und zu streamen. Dass Reisen in unserem System schweineteuer ist, ist dir schon klar, oder? Glaubst du nicht, wenn ich schon die Möglichkeiten gehabt hätte, mir die Dinge, die du mir da empfiehlst, anzuschaffen, hätte ich das nicht schon längst getan?
      5. Ich freue mich immer über konstruktive Kritik, denn nur sie kann unsere Arbeit weiterentwickeln und verbessern. Aber diese Kritik sollte dann schon auf Augenhöhe vorgetragen werden und vor allem, sollten alle Teilnehmer*Innen die Fakten kennen, bevor sie urteilen.

      Mit freundlichen Grüße, Viktoria

      1. Hi Viktoria,
        ich sprach nicht von einer professionellen Ausrüstung. Die brauchst du momentan ja auch nicht. Ich sprach von einem Presseausweis. An einen solchen kommst du auch ohne 3.000€-Systemkamera. Schließlich ist das nur ein Stück Plastik. Vielleicht klingt das jetzt etwas hochnässig, ist aber nicht so gemeint: Informier dich doch mal über die Möglichkeiten so einen Ausweis zu bekommen. Und damit meine ich nicht, das du eine Bewerbung an Reuters schicken sollst.

        Cheers

      2. Hallo Andreas,
        Auch ein normaler Presseausweis kostet Geld, wenn auch nicht so viel wie eine professionelle Kamera. 😉 Ich arbeite bereits daran, so etwas zu bekommen, nicht zuletzt, weil er mir mehr Möglichkeiten einräumt und mich zumindest teilweise auch vor Repressionen schützt. Aber wie du ja schon bemerkt haben dürftest, mache ich den „Job“ noch nicht allzu lang! 😉

        Liebe Grüße, Vicky

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