2. Teil – Die Demo #HH2112 #RoteFlora #LampedusaHH


Anreise zur Roten Flora

Am 21.12. waren wir alle morgens schon sehr früh wach. Wir hatten verabredet um 12:00 Uhr gemeinsam vom sozialen Zentrum zur Roten Flora zu fahren und hatten uns schon auf massive Polizeikontrollen an den Bahnhöfen eingestellt. Aber nichts dergleichen geschah. Außer einer Horde von Zivis, die uns auch in der Bahn penetrant begleiteten, kamen wir ungehindert bis direkt vor die Rote Flora.

Hier sieht man höchstwahrscheinlich einen Zivi-Bullen bei der Arbeit.
Hier sieht man höchstwahrscheinlich einen Zivi-Bullen bei der Arbeit.

Was vor der Demo geschah

Bereits um halb eins standen zwei Wasserwerfer der Polizei direkt auf der Demo-Route, nur einige Meter von der Flora entfernt. Sie waren frontal auf die sich langsam sammelnde Demo gerichtet. Ab da war uns klar, dass es keine Demo geben würde. Während ich durch die Seitenstraßen lief, auf der Suche nach einer Bäckerei, fiel mir auf, wie viele der Leute die sich auch hier sammelten, schwarz gekleidet waren. Fast die gesamte Demo war ein schwarzer Block. So etwas hat es in Deutschland wohl zuletzt beim G8-Protest in Heiligendamm gegeben. Hierbei ebenfalls auffällig: Es gab natürlich auch nicht schwarz-angezogene Demonstrant*Innen. Diese verhielten sich aber allesamt nicht so, als würden sie von den „Schwarzen“ irgendeine Art von Bedrohung empfinden, im Gegenteil. Die „Bunten“ und die „Schwarzen“ unterhielten sich, freuten sich gemeinsam auf eine kraftvolle Demonstration.

Da wir mit Live-Tweets von der Demo berichten wollten und die direkte Eskalation eher vermeiden wollten, reihten wir uns in den „Recht auf Stadt kennt keine Grenzen“-Block ein, in dem auch die Flüchtlinge mitliefen. Von diesem Block geht grundsätzlich keine Eskalation aus, um den Geflüchteten nicht noch mehr Ärger mit dem Staat zu bescheren.

Es geht los…

Um kurz nach 15:00 Uhr sahen wir vorne an der Demo-Spitze die ersten Bengalos rauchen und wussten, die Demo will wohl loslaufen. Doch nur wenige Sekunden später hörten wir wütendes Gebrüll und über Twitter sahen wir die ersten Meldungen, dass die Polizei die Demo nach nicht einmal 20 Metern gestoppt hatte. Wir merkten dass es um uns herum enger wurde, die Menschen wurden zusammengedrückt. Wir entschieden uns weiter nach hinten zu gehen, um uns einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Die Seitenstraßen waren von der Polizei zugemacht worden. Dort kamen wir nicht raus. Das was ich befürchtet hatte, trat ein. Die Schanze wurde zu einem großen Kessel.

Wir hatten gerade ziemlich am Ende der Demo einen Platz erreicht, an dem man wieder gut Luft zum Atmen bekam, als wir sahen, wie die Polizei das hintere Ende der Demo ebenfalls angriff, und die Leute immer enger zusammenpferchte.

Fluchtwege

Auf der einen Straßenseite entdeckten wir ein Tor, das offen stand und durch das Scharen von Menschen strömten. Wir entschieden uns diesen Fluchtweg zu nutzen, da wir nicht wussten, ob er später noch bestehen würde. Tatsächlich kamen wir, wie hunderte anderer Demonstrant*Innen auch, in einer Nebenstraße aus, praktischerweise direkt vor unserer Lieblingskneipe, die ja schon angekündigt hatte, ein Schutzpunkt für Demonstrant*Innen zu sein. Natürlich ist man auch in einer Kneipe nicht völlig sicher vor den Bullen, aber es kostet sie doch schon eine Hemmschwelle einen Laden zu stürmen. Das kann negative Folgen für die Polizei haben, wenn in dem Laden gerade zufällig jemand völlig unbeteiligtes sitzt, der über viel Einfluss bei Stadt, Presse und/oder Justiz verfügt.

Seltsame Strategien der Polizei

Wir bestellten uns was zu trinken, erzählten der Kellnerin was passiert war und verfolgten auf Twitter mit, wie sich die Demonstrant*Innen in den vorderen Reihen mit den Riot-Cops Straßenschlachten lieferten. Wenig später sahen wir durch das Fenster die ersten Gruppen von Bullen durch die Straße rennen. Sie waren in Kleingruppen von ca. 20 Leuten unterwegs und anhand ihrer Gestik und Mimik konnte man deutlich erkennen, wie viel Angst sie hatten; um sie herum überall hunderte von Vermummten mit Steinen in der Hand. Übrigens, ich war den ganzen Abend über in Hamburg unterwegs, ich habe nicht eine Szene gesehen, in der Demonstrant*Innen von sich aus diese Kleingruppen von Bullen angegriffen haben. Wenn kam es zu Sachbeschädigungen, Barrikadenbau und Verteidigung gegen Polizeigewalt.

Szenen nach der Eskalation durch die Polizei

Nach und nach trafen immer mehr von unseren Freund*Innen in der Kneipe ein und wir überlegten gemeinsam was wir jetzt tun wollten. Als wir dann wieder auf der Straße unterwegs waren sahen wir mehr als skurrile Bilder. Brennende Barrikaden, kleine Gruppen von „Schwarzen“, die gemeinsam „Bella Ciao“ singend durch die Straßen zogen und sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Bullen lieferten. Die Bullen selbst wirkten oft mehr als planlos. Sie wurden hin und her geschickt, sobald sie fünf Minuten an einem Ort standen, gab es einen Befehl und sie mussten weiter. Dabei kam es selten zu Eingriffen in unsere „Demonstrationen“. Viel eher wirkte es so, als sollten sie richtig leiden müssen, in dem sie in kleinen Gruppen immer wieder zwischen die wütenden Demonstrant*Innen geschickt wurden. Genau dasselbe war übrigens beim Stoppen der Demo passiert. Auf diesem Video ist gut zu erkennen, dass nur ein kleiner Trupp Bullen die Demo angreift und natürlich von ihr zurückgeschlagen wird.

Als wir so durch die Straßen zogen, fiel uns irgendwann auf, dass der Durchgang der uns und hunderte Andere vor dem Kessel auf dem Schulterblatt direkt vor der Flora erspart hatte, immer noch offen war. Da die Polizei auch einen Hubschrauber eingesetzt hatte, hätten sie es spätestens nach ein paar Minuten bemerkt und den Durchgang zugemacht. Es war also polizeilich gewollt, dass Demonstrant*Innen aus dem Kessel sickern konnten und dann in Kleingruppen durch die Straßen ziehen konnten.

Wir lasen auf Twitter, dass an den Esso-Häusern eine Spontan-Demonstration stattfand, wussten aber auch, dass diese sehr nahe an der von der Polizei zur Gefahrenzone erklärten Innenstand waren. Da wir nicht scharf auf Polizeikontrollen oder gar Ingewahrsamnahmen waren, entschieden wir uns langsam in Richtung St Pauli zu gehen und die Situation zu beobachten. Auf dem Weg dorthin gab es immer wieder skurrile Szenen. Etwa in der Seilerstraße, wo eine Gruppe von etwa 20 Bullen von ca. 150 Demonstrant*Innen kurzerhand eingekesselt wurde.

Bullen gekesselt

Doch auch hier wurden die Bullen nicht angegriffen. Nachdem sie merkten, dass die Demonstrant*Innen nicht weichen würden, zogen sie sich auf den Bürgersteig zurück. Ich konnte die Angst der Bullen richtig spüren. Die Demonstrant*Innen kamen „Hass, Hass, Hass wie noch nie! All Cops Are Bastards – ACAB“ singend und klatschend immer näher auf sie zu. Im Rücken hatten sie eine kleine Spontan-Demonstration die von der pinken Samba-Truppe angeführt wurde und im Takt zu dem Gesang trommelte.

Wir versuchten näher an die Esso-Häuser ranzukommen und sahen von einer Seitenstraße aus, wie Rauch über dem Weihnachtsmarkt aufstieg. Immer wieder sausten zig Polizei-Wannen an uns vorbei. Meistens jedoch nahmen sie gar keine Notiz von uns. Wenn sie bremsten um genauer hinzusehen, legten wir einen Spurt ein und entkamen ihnen so. Hilfreich waren auch die vielen Barrikaden, die die Polizei immer wieder viel Zeit kosteten um mit den Autos von A nach B zu kommen. Ich denke, diese Barrikaden haben wohl auch etliche Demonstrant*Innen davor gerettet, verprügelt und in Gewahrsam genommen zu werden.

Nicht typisch…

Interessanterweise entdeckte ich zwischen den vielen „Schwarzen“ auch immer wieder bunt gekleidete Jugendliche, die eher so aussahen, als wären sie auf der Suche nach dem nächsten H&M. Sie bauten mit „den Schwarzen“ gemeinsam Barrikaden, beschimpften die Bullen und teilten solidarisch ihre Vorräte.

Während wir kreuz und quer durch St Pauli und die Schanze liefen, fiel mir eines immer wieder auf. Es gab viel weniger Schäden als ich vermutet hätte. Kaum ein Auto war beschädigt worden, kaum ein Wohnhaus war besprayt. Stattdessen beschränkten sich die Demonstrant*Innen darauf, Symbole des Kapitalismus anzugreifen, wie etwa Banken, Geschäfte großer Konzerne, Job-Center, Amtsgericht und Luxuskarossen.

Luxuskarosse verschönert

Sparkasse direkt an der Roten Flora
Sparkasse direkt an der Roten Flora

Über Twitter erfuhren wir, dass jemand das Fenster eines Drogerie-Marktes entglast hatte und daraufhin von den anderen Demonstrant*Innen verjagt worden war. Ich selbst erlebte, wie eine kleine Sponti jemanden davon abhielt ein Wohnhaus anzugreifen. Wenn Feuerwehr oder Sanitäter durch die Barrikaden mussten, wurden diese sofort geöffnet und danach wieder aufgebaut. Die Demonstrant*Innen verhielten sich in vielen Situationen sehr klug und die meisten machten nicht den Eindruck, als seien sie als Krawall-Tourist*Innen nach Hamburg gekommen.

Da die Situation auf der Straße immer unübersichtlicher wurde, entschieden wir uns erst mal zur Flora zurück zu gehen. Dort bot sich uns ein sehr erstaunliches Bild:

Vor der Flora 2108

Um kurz nach 21:00 Uhr stand nur ein kleines Trüppchen Bullen völlig hilflos vor der Flora herum. Es ist der Umsicht und der Rücksicht der Demonstrant*Innen geschuldet, dass es nicht viel mehr verletzte Polizist*Innen gab. Wer auch immer diesen Einsatz zu verantworten hat, er oder sie hat grob fahrlässig gehandelt und die eigenen Leute einer unnötigen Gefährdung ausgesetzt.

Das Blatt wendet sich

Während wir in der Flora ausruhten und uns überlegten was wir nun tun wollten, vermehrten sich über Twitter die Hilferufe aus der Kastanienallee, in der schon seit mehreren Stunden ca. 100 – 200 Menschen in einem Polizeikessel standen und nun alle in Gewahrsam genommen wurden. Außerdem fand zeitgleich eine Sponti auf der Hoheluftbrücke statt. Die zumindest am Anfang von den Bullen völlig unbehelligt stattfinden konnte. Da die Hoheluftbrücke von der Flora relativ weit weg war und wir alle nicht ortskundig waren, entschieden wir uns dazu, die Leute im Kessel in der Kastanienallee zu unterstützen. Doch schon auf dem Weg dorthin bemerkten wir, dass sich die Situation auf der Straße geändert hatte. Es waren deutlich weniger Demonstrant*Innen unterwegs und die Bullen fuhren mit mehreren Wannen durch die Straßen und machten Jagd auf die verbliebenen Menschen. Dabei war ihnen völlig egal, ob diese Menschen schwarz angezogen waren oder bunt, ob sie etwas gemacht hatten oder nicht. Aus Erzählungen und Tweets geht hervor, dass es vielfach nach dieser Jagd nur zu Prügelorgien kam, aber nicht zu Personalienkontrolle oder gar zur Ingewahrsamnahme. Aus gesicherten Quellen weiß ich von der Geschichte, wie jemand gerade einen Zaun auf die Straße tragen wollte, um eine Barrikade zu bauen, da tauchte ein Bulle auf, schlug ihn so heftig, dass er gegen den Zaun prallte und dann zwischen zwei Autos landete. Dann schlug der Bulle solange auf ihn ein, bis eine Rippe gebrochen war.

Ein anderes Beispiel könnt ihr hier hören. Eine Anwohnerin beobachtet heftige Polizeigewalt und gibt einem Radiosender ein Interview:

http://www.freie-radios.net/60891

Wir versuchten durch kleine Nebenstraßen Richtung Kastanienallee zu kommen, als uns auf einmal eine Gruppe in Schwarz entgegenkam und nur ein paar Sekunden später etliche Wannen Polizei. Diese hielten, die Türen öffneten sich und wir rannten los. Einige von uns flüchteten sich in ein Café, andere rannten weiter. Den Leuten im Café wurde von der Polizei gesagt, entweder sie würden herauskommen, oder das Café würde gestürmt werden. Es gab dann Durchsuchungen und schriftliche Platzverweise. Auf Gewalt verzichteten die Bullen, wohl wegen der vielen Gäste des Cafés, die als Augenzeugen hätten aussagen können.

Rückzug

Nach dieser Jagd entschieden wir uns, dass es keinen Sinn mehr machte, durch die Stadt zu ziehen. Das Blatt hatte sich gewendet. Außerdem waren in unserer Bezugsgruppe einige verletzt, durch Pfefferspray und Schläge und wir waren alle ziemlich müde und kaputt. Wir zogen uns die schwarzen Klamotten aus und bunte an und gelangten ohne Kontrollen und weitere Zwischenfälle sicher zur Roten Flora zurück. Dort überlegten wir lange, wie wir sicher zum sozialen Zentrum zurück kommen konnten und entschieden uns schließlich direkt zur S-Bahn-Station Schanze zu laufen, uns die Lage vor Ort anzuschauen und dann zu entscheiden.

Vor der S-Bahn-Station standen ca. 10 Bullen entspannt und ohne Helme. Sie sollten offenbar nur noch die Station sichern und beachteten uns auch gar nicht weiter. Wir nahmen die nächste S-Bahn und waren schließlich um ca. 00:00 Uhr wieder im sozialen Zentrum, wo wir noch ein, zwei Bierchen tranken und dann völlig erledigt in den Schlaf fielen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang allen danken, die #HH2112 in irgendeiner Form, ob auf der Straße und/oder im Netz, unterstützt haben.

„Presseschau zu #HH2112“

„That’s what democracy looks like?“ von Birgit Rydlewski

„Hat die Polizei die Demo zu früh gestoppt?“ vom NDR

„Die schwerste Straßenschlacht seit vielen Jahren“ von der Frankfurter Rundschau

„Die Mär der angreifenden Demonstranten“ von Metronaut

„Proteste um  die Rote Flora – Existenz versus Profit“ von der Piratenpartei Deutschland

„Schwere Krawalle bei Demo – Grüne kritisieren Polizeieinsatz in Hamburg“ vom Spiegel

Stellungnahme des EA in Hamburg

„Kalt wie das Gesetz“ von der Süddeutschen Zeitung

„Medienberichte und Realität“ von Benjamin Laufer

„Rote Flora – Eskalation von der Polizei gewollt“ von Neues Deutschland

„Schlagstock und Reizgas“ von Junge Welt

„Von der Schanze bis zur Reeperbahn“ von Autonomen

„Einige Gedanken zur Einschätzung der Unruhen gestern Nacht“ von Anarch@

„Sie haben noch nicht gewonnen“ von Kia

„Flora-Bleibt-Demo – Ein Tag im Dezember“ von HH Mittendrin

„Was alles nicht gesagt wird“ von NTV

„Angriff der Aufstandsbekämpfungs-Einheiten“ von RevoTweets

Stellungnahme der Initiative ESSO Häuser

„Die Ohnmacht des Staates“ von der Rheinischen Post (inklusive der Bestätigung dass Polizist*Innen Waffen gezogen haben)

„Versuch einer Analyse“ von der Piratenpartei Hamburg

Eine selbsterfüllende Prophezeihung“ von Gerhardt

„Rote Flora“ von Joerg Rupp

„Die deutsche Volkskrankheit – Polizeibrutalität“ von Tristantra

„Gummigeschosse und Führerscheinentzug statt Lösung sozialer Probleme“ von Heise

„Der Versuch einer Verarbeitung“ von Rick Siebert

Auf Englisch: „Hamburg – Police Attacked Rote Flora Demo“ von Revolution News

„Es ist Hamburg in Kaltland“ von Terzklopfen

„Mythen über die Polizei – Gedanken zu #HH2112“ von Kampfwombat

„Versammlungsrecht Adieu“ von Junge Welt

„Randale mit Perspektive“ von urbanresistance

Satire: „Ekelhafte Hippies versauen in Hamburg allen das Weihnachtseingekaufe“ von Neue Rheinpresse

„Autonome wie Hitlers Schergen“ von Junge Welt

„Rote Flora, Essohäuser und Bleiberecht: Augenzeugenbericht zu Auseinandersetzungen in Hamburg“ von Sören Kohlhuber

„Wer darf in der Stadt wohnen?“ von Der Freitag

„Von der Schanze in die Innenstadt“ von anonym

„Staatsstreich am Schulterblatt“ von der taz

2 Gedanken zu “2. Teil – Die Demo #HH2112 #RoteFlora #LampedusaHH

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