#BlockupyDD – #Blockupy in #Düsseldorf 17.05.2014


Ich schreibe hier einen Demo-Bericht mit anschließender Analyse und Kritik. Da ich dem Blockupy-Bündnis durch einige Vorfälle und Entwicklungen sehr kritisch gegenüber stehe, trotzdem 2012 aus Düsseldorf die Proteste unterstützt habe, 2013 in Frankfurt war und gestern also wieder in Düsseldorf, nehme ich mir das Recht heraus, meine Kritik an Blockupy mal deutlich auszuformulieren. Zum einen hoffe ich, dass durch diese und andere Kritik das Bündnis aufgewertet werden kann, zum anderen möchte ich auf einen gefährlichen Trend in der linken Szene aufmerksam machen. Doch dazu später mehr.

Teil 1 – Die Demo

Als wir um kurz vor 12 Uhr am DGB-Haus, 500 Meter vom Düsseldorfer Hbf entfernt, ankamen, erwarteten uns bereits ein Lautsprecherwagen und ca. 100 Menschen, die bei strahlendem Sonnenschein und sehr entspannten Cops auf der Straße standen, sich unterhielten, Flyer verteilten und Transparente entrollten.

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Auftaktkundgebung der Blockupy Demonstration am DGB-Haus in Düsseldorf

Durch den Lauti wurden immer wieder Redebeiträge gehalten und natürlich Musik gespielt. Nach und nach trudelten immer mehr Menschen ein. Wir warteten noch auf einige Busse aus Rheinland-Pfalz und Hessen. Um ca 12:45 Uhr nahm die Demo dann Aufstellung. Sofort positionierte sich eine Reihe Riotcops davor, obwohl die Demo bis jetzt völlig friedlich gewesen war. Die Menschenmenge lief auch nicht in geschlossenen Blocks, vielmehr war es ein buntes Gemisch aus alten und jungen Menschen, Hippies, Leuten von der Links-Partei, Autonomen, usw.

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Riotcops positionieren sich ohne Grund direkt vor der Demo. Das Banner ist so für die Passant*Innen nicht lesbar.

Die Demo war in der Zwischenzeit auf ca. 1000 Menschen angewachsen und zog, begleitet von Mini-Spalieren von gepanzerten Bullen Richtung Königsallee.

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Schönes Banner von der Links-Partei „Troika zerschlagen – Merkel verjagen Für ein demokratisches und soziales Europa“

Wir erreichten ohne Zwischenfälle den Graf-Adolf-Platz, wo eine Bühne stand, auf der es nun einige Redebeiträge gab und anschließend verkündet wurde, wann wo welche Aktionen und Blockaden in der Innenstadt stattfinden sollten. Wir waren uns eigentlich ziemlich sicher, dass die Bullen uns keinerlei Chance geben würden, in die Innenstadt zu gelangen. Doch überraschenderweise ließ man uns ungehindert über die Kö ziehen und das erste Geschäft, Maredo, markieren.

Vor einigen Geschäften kam es zu kleinen Rangeleien mit den Cops. Sie hatten es wohl anscheinend auf einige Menschen abgesehen und versuchten immer wieder Einzelpersonen aus der Masse zu ziehen. Doch nach unserem Wissen ist gestern niemand länger als ein paar Minuten in Ingewahrsamnahme gewesen. Es wurden lediglich die Personalien festgestellt, dann ließ die Polizei alle wieder zurück zu den Demos und Aktionen. Ich vermute den Japan-Tag, der parallel gestern in Düsseldorf stattfand als Grund für das deeskalierende Verhalten der Bullen. Für sie war es gestern eine sehr unübersichtliche Situation, mit zwei verschiedenen Menschenmassen, die sie beide nicht richtig einschätzen konnten. Die Tourismus-Industrie ist wichtig für Düsseldorf und eine Schlagzeile á la „Riotcops verprügeln Japan-Tag-Tourist*Innen“ kann sich die Stadt einfach nicht leisten.

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Die Bullen kurz nach einem Angriff auf die Kundgebung vor ZARA.

Und so kam es, dass nicht nur ZARA an diesem Tag seine Türen schloss, sondern auch Cartier. Für mich ein deutlicher Erfolg und vor allem schön zu sehen, wie wenig an Druck ausreicht, um diese Geschäfte zumindest für einen Tag, bzw. ein paar Stunden dicht zu machen. Hierbei ist noch hinzuzufügen, dass das höchste an „Markierung“ Graffitis waren. In den meisten Fällen wurden Aufkleber und Kreide benutzt.

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Mit Aufklebern als Ausbeutungs-Industrie markiert! ZARA

So ging es dann weiter quer über die Kö und durch die Innenstadt. Immer mal wieder gab es Rangeleien mit den Bullen, die völlig unnötig immer wieder provozierten. Ansonsten war es ein schöner Tag voller Inhalte für die Passant*Innen, von denen einige den Tränen nahe waren, als sie mitbekamen, dass sie an diesem Tag den Apple Store nicht besuchen konnten.

Um 17:00 waren wir dann am Düsseldorfer Flughafen. Bis zum Terminal B gelangten wir ohne Zwischenfälle und liefen auch zuerst ganz unbehelligt an einer Polizei-Sperre vorbei, die sich gerade mit einigen anderen Menschen zu beschäftigen schien. Aber schon nach 1 Minute lief ein Bulle hinter uns her und wollte dann auch prompt die Personalien haben. Wir weigerten uns erst mal so pro forma, wollten wissen warum. Dann wollte er wissen, ob wir zu der Kundgebung wollten, um dann fünf Minuten später selbst zu schlussfolgern, dass aufgrund unserer Kleidung, schwarz, wir wohl eindeutig zu der angemeldeten Versammlung gehörten. Als ich ihm erklärte, dass das Diskriminierung sei, fiel ihm nicht mehr viel ein, außer auf seine Rolle als Ordnungshüter hinzuweisen und zu betonen, dass wir seinen Befehlen Folge zu leisten hätten. Während wir also mit ihm diskutierten, konnten an uns vorbei einige Kleingruppen in den Terminal gelangen, ohne von den Bullen schikaniert zu werden. Ein ganz guter Trick, wie ich finde. Wenn man schon kontrolliert wird, so kann man dabei zumindest die Cops so lange wie möglich beschäftigen. Während wir auf unsere Ausweise warteten, unterhielten wir uns angeregt über Diktaturen, paramilitärische Polizeiapparate und ähnliches.

Wir wurden gebeten das Terminal zu verlassen und zur Kundgebung zu gehen, was wir dann auch taten. Uns blieben ja nicht viele Alternativen. Im Vorfeld hatte die Polizei mitgeteilt nicht mehr als 250 Menschen im Terminal demonstrieren zu lassen und wir stellten uns auf ein heftiges Szenario ein, wie es auch letztes Jahr in Frankfurt am Flughafen stattgefunden hatte. Doch nichts dergleichen geschah. Die Polizei ließ die gesamte Demo von ca. 500 Leuten ins Terminal und dort demonstrierten wir dann knappe anderthalb Stunden gegen Abschiebungen und Rassismus. Viele Passant*Innen und Reisende konnten dadurch unsere Inhalte hören und aufnehmen, auch wenn die Bullen immer wieder versuchten das zu verhindern, in dem sie uns mit ihrer Präsenz vom Rest der Menschen im Flughafen abschirmte.

Flughafen-Demo
Die Antira-Demo in Deutschlands zweitgrößtem Abschiebe-Flughafen

Als einige Aktivist*Innen einen Bannerdrop versuchen wollten, kam es auch hier zu kurzzeitigen Ingewahrsamnahmen, aber schon wenige Minuten später war die Demo wieder vollständig und sogar das Riesen-Transpi durften wir behalten.

Abschiebe-Airline
Das Riesen-Transpi vom durch die Cops vereitelten Bannerdrop

Als große Gruppe verließen wir dann den Flughafen und fuhren mit der S-Bahn Richtung Düsseldorf Hbf zurück. Dort sollte es noch mal eine Sponti bis zum Linken Zentrum geben, wo dann abends ein Konzert und Party stattfinden sollte.

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Am Hbf formierte sich die Sponti zum Linken Zentrum.

Doch schon auf der Karlstraße war Schluss mit Spontaneität. Die Bullen stoppten die Demo und verlangten eine*n Anmelder*In. Nach ca. einer Viertelstunde ging es dann mit Lauti über die Straße Richtung Linkes Zentrum. Doch die Bullen wollten scheinbar noch mit irgendeiner Aktion klarmachen, dass sie hier die Stärkeren waren und griffen die Demo von hinten an und zogen drei Leute raus. Sofort solidarisierte sich auch der vordere Teil der Demo und rannte ein paar Meter zurück in Richtung Bullenkette.

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Riotcops drangsalieren die Sponti auf dem Weg Richtung Linkes Zentrum.

Erst sagte jemand auf dem Lauti durchs Mikro die Demo könne ja schon mal weiterlaufen. Dies wurde jedoch glücklicherweise von einem Aktivisten unterbunden, der zum Lauti spurtete und die Menge aufforderte solidarisch auf die drei Personen zu warten, deren Personalien gerade von der Polizei überprüft wurden. Und genauso passierte es dann auch. Während die Cops in dicker, gepanzerter Uniform sich die Beine in den Bauch standen, lag die halbe Demo auf der Straße in der Sonne und sang: „Wir haben Spaß und ihr habt Bereitschaft!“ und „Eure Kinder stehen bei uns im Block!“.

Doch scheinbar schien den Bullen die Gesangseinlage nicht zu gefallen, denn sie orderten Verstärkung, die dann links neben dem Lauti auftauchte und auf den Straßenbahnschienen stand, von dem die Demonstrant*Innen noch kurze Zeit vorher herunter gescheucht worden waren.

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Verstärkung für eine völlig friedliche 200-Teilnehmer*Innen-Sponti.

Gerade als ich überlegte, mir ein sicheres Plätzchen zu suchen, da ich davon ausging, dass sie die Sponti komplett kesseln und verhaften wollten, wurden die drei Aktivist*Innen freigelassen und die Demo konnte ab da ungehindert zum Linken Zentrum ziehen.

 

Teil 2 – Analyse und Kritik

Ich beziehe mich in diesem Abschnitt des Textes ausschließlich auf Blockupy 2013 und 2014. Über das erste Blockupy schrieb ich bereits hier etliche Zeilen. Dieser Text hier wird darauf aufbauen, daher empfehle ich ihn zu lesen, bevor man hier weiterliest.

Letztes Jahr stand ich über 9 Stunden im Polizeikessel und habe knappe zwei Wochen gebraucht um die Bilder der Polizeigewalt und das Erlebte zu verarbeiten. Meinen Demo-Bericht aus dem schwarzen Block von Blockupy 2013 findet ihr hier. Auch auf ihn werde ich mich in diesem Text wohl das eine oder andere Mal beziehen.

Zunächst sei gesagt, dass Blockupy und Blockupy NRW nicht dasselbe sind. Die Hierarchien bei dem bundesweiten Blockupy-Bündnis sind sehr stark, was nicht allein an den Organisator*Innen liegt, sondern auch an mangelndem Wissen von basisdemokratischen Tools im Netz und zu wenig Engagement von vielen, die gemeinsam strukturiert arbeiten. So bleibt letzten Endes immer alles an ein paar Leuten hängen. Daher richtet sich meine Kritik nicht nur an Blockupy, sondern auch an all diejenigen, die Blockupy gut finden, aber eben nicht mehr tun, als zur Demonstration zu kommen. Für Basisdemokratie von unten braucht es Menschen, die sich organisieren. Konsumieren reicht nicht.

Und damit wären wir schon bei meinem ersten Kritikpunkt. Bereits 2012 gab es Tendenzen zu einer Art Konsum-Protest. Woran ich so etwas festmache? Hier einige Beispiele: vorgefertige Transpis & Schilder, ein sehr hoher Anteil von Musik auf der Demo, wenn gerade keine Musik gespielt wird, gibt es sich wiederholende Redebeiträge, meistens vom Blatt abgelesen oder sogar als MP3-Audio schon vorher aufgezeichnet, Party-Kultur während der Demo, viele Gespräche, wenig Slogans, keine Block-Formation um die eigenen politischen Inhalte besser erkennbar zu machen, Fahnen und Transpis die wenig politische Aussagen haben (z.B. „Occupy“, „Blockupy“, „Linkspartei“), ein hoher Prozentsatz von „Entertainment“ im gesamten Programm (Konzerte, Bars, Alkohol, Partys, etc.)

Was diese oberflächliche Protest-Kultur noch befeuert ist die Selbstbeweihräucherung, die man von NGOs, Parteien und streng hierarchischen Organisationen so kennt. Schon während der Demo wird über den Lauti die ganze Zeit erzählt, wie supidupi alles läuft und dass wir so viele sind, auch wenn ich 1500 für Düsseldorf für sehr wenig halte, bedenkt man, dass Busse aus Rheinland-Pfalz und Hessen da waren und Blockupy NRW ein Bündnis aus zig verschiedenen Gruppen aus ganz NRW ist.

Oder wenn ich bedenke, dass die EZB 2013 zu keinem Zeitpunkt richtig umzingelt war, dies aber über Megafone von den Organisator*Innen die ganze Zeit über behauptet wurde. Selbst nach meinem Hinweis, ich wäre gerade noch bei anderen Blockade-Punkten gewesen und hätte Banker*Innen ein und aus gehen sehen, wollte man über das Megafon diese bittere Wahrheit nicht verkünden.

Extrem zu bemerken war diese Konsum-Haltung bei der Sponti vom Hbf zum Linken Zentrum. Die Sponti startete recht zügig und wurde dann immer langsamer, weil sie auf den Lauti wartete. Diese Information musste ich erst mal schlucken. Spontis mit Lautsprecherwagen kenne ich so nicht. Denn eine Sponti ist ja gerade deshalb eine Sponti, weil sie spontan stattfindet. Muss man erst mal auf den Lauti warten, sind die Bullen meistens schneller da, als man gucken kann und der Charakter einer Sponti ist vorbei, wenn die Bullen eine*n Anmelder*In fordern. Genauso passierte es ja dann auch gestern in Düsseldorf. Was mir weiter auffiel: die Demo war von sich aus sehr leise. Ich habe festgestellt, dass ein Lauti für eine Demo oft sehr kontraproduktiv wirkt. Zum einen bekommt die Demonstration dadurch einen Festival- / Karnevalstouch. Zum anderen ist es durch die Dauerbeschallung für die Demonstrant*Innen oft nur schwer möglich eigene Akzente zu setzen, in dem Slogans zu verschiedenen Themen gerufen werden. In Wuppertal haben wir nur zu wirklich großen Demonstrationen einen Lautsprecherwagen. Ansonsten sind unsere Demos meistens klein, aber dafür flink, sehr laut, thematisch sehr vielfältig und mehrsprachig. Die Sponti gestern in Düsseldorf hingegen musste in Teilen richtiggehend überredet werden, Slogans zu rufen. Vom Lauti aus lief dann irgendwann ein Musikstück was mich stark an Schlager erinnerte und genau in diesem Moment gingen die Cops hinten in die Demo rein. Da der Lauti zwischen dem Frontblock und dem Rest der Demo fuhr und die Demonstration außerdem recht weit auseinander gezogen war, brauchten die Aktivist*Innen vorne mindestens eine Minute um zu realisieren was gerade hinten passiert war und dann dort hin zu sprinten.

Das jemand vom Lauti aus die Demo dann aufforderte weiter zu ziehen ist für mich der Knaller des Abends gewesen. Und natürlich haben Menschen Recht die sagen: „Aber es war doch nur einer, der das gesagt hat.“ Aber es war trotzdem jemand der in irgendeiner Art und Weise zum Organisator*Innen-Kreis gehörte, denn er konnte über den Lauti seine Durchsage machen. Eine solch unsolidarische Haltung habe ich aber auch 2013 in Frankfurt von den Blockupy-Organisator*Innen erlebt, und das nicht nur einmal.

Bereits Donnerstag, am Tag der Anreise, steckten die Busse aus Berlin an einer Raststätte fest und wurden von den Bullen stundenlang terrorisiert. Da ich als Presse-Vertreterin nach Frankfurt gekommen war, hielt ich es natürlich für meine Pflicht die Organisator*Innen darüber zu informieren, damit Soli-Aktionen geplant werden konnten. Doch weit gefehlt. Die Live-Twitterer*Innen, Livestreamer*Innen und Blogger*Innen wurden von den Blockupy-Organisator*Innen regelrecht gemobbt. Während die Mainstream-Presse durchs ganze Camp geführt wurde, verbot man uns die Streams, um „die eigenen Strukturen zu schützen.“ Das unsere Livestreams so eingestellt werden können, dass Gesichter nicht zu erkennen sind, die Mainstream-Presse im Normalfall genau das Gegenteil macht, war in diesem Falle wohl unwichtig.

Das lief dann auch durchgehend die ganzen Blockupy-Tage über so weiter. Wir twitterten live vom Flughafen von der Demo gegen Abschiebungen. Und eine Stunde nachdem wir das erste Bild verschickt hatten, twitterte Blockupy fröhlich: „Erste Bilder vom Flughafen erreichen uns!“

Gott Verdammt, checkt ihr nicht mal euer eigenes Hashtag?

Nach der Demonstration samstags, die ja eigentlich keine war, weil die Polizei sie mit unsäglicher Gewalt komplett verhindert hat, begann ich sofort, als ich wieder zu Hause war, Material zu sammeln, Live-Tweets, Videos, Demo-Berichte, usw.. Mit einigen anderen Aktivist*Innen bereiteten wir das Material auf und sortierten so gut wir konnten, um einen möglichst detailgetreuen Ablauf der Ereignisse darstellen zu können. Wir meldeten uns über mehrere Kanäle beim Blockupy-Bündnis und boten das Material zur Beweissicherung und Auswertung an. Bis heute habe ich keine Reaktion darauf erhalten.

Ich verstehe, dass es schwierig ist mit wenigen Leuten große Aktionen zu planen. Was ich nicht verstehe ist, warum dann die Hilfe anderer, die sich unbürokratisch einbringen wollen, nicht nur nicht angenommen wird, sondern sogar versucht wird, Eigeninitiative zu unterbinden. So passierte es auch Freitag Abends 2013, als es in Istanbul zu schweren Ausschreitungen kam und 2 Menschen starben. Über Twitter bekamen wir die Infos quasi live rein und entschieden innerhalb von Minuten, dass es ein absolutes No-Go wäre, jetzt einfach zur normalen Tagesordnung über zu gehen. Geplant war für den Abend nämlich ein buntes Programm aus Party und Konzert. Kurz entschlossen lief ich zu den Organisator*Innen, erzählte, was in der Türkei gerade passierte und bat darum, das beim „Plenum“ (es war eigentlich mehr eine Kundgebung, auf der jedes Mal nur verkündet wurde, was die Orga geplant hatte) anzusprechen. Nach einigem Hin und Her und meinem mehrfachen Betonen von zwei Toten wurde mir gestattet nach dem Plenum noch ein paar Worte zu sagen. Als ich dies tat, entwickelte sich sofort eine Art Eigendynamik. Mehrere Menschen kamen nach vorne, hatten andere Details zu den Vorfällen in Istanbul. Ich kündigte an, in einer Stunde vor das türkische Konsulat zu ziehen, notfalls allein. Doch das war gar nicht nötig. Ganz im Gegenteil. Eine Stunde später verließ eine kraftvolle Demonstration von mehreren hundert Personen das Camp und startete Richtung türkisches Konsulat. Um die Bullen zu verwirren und die Strecke abzukürzen, fuhr ein großer Teil der Demo mit der Straßenbahn. Eiligst war noch ein riesiges Banner gemalt worden, was ebenfalls Straßenbahn fuhr. 😉

Am Konsulat angekommen erwarteten uns panische Bullen, die in aller Eile Hamburger Gitter vor dem Gebäude aufbauten. Wir schrieen uns unsere Wut aus dem Bauch, es gab zahlreiche Redebeiträge durch ein Megafon. Insgesamt versammelten sich ca. 800 Menschen vor dem Konsulat. Nicht alle waren aus dem Blockupy-Camp. Viele türkischstämmige Menschen waren dabei. Es war eine Demo wie ich sie niemals vorher erlebt habe, so kraftvoll, so leidenschaftlich, so energisch, so voller Wut, aber auch Tatendrang. Ich bekomme jetzt noch Tränen in den Augen, wenn ich an die Momente zurückdenke. Wir entschieden uns als Demonstrationszug zurück zum Camp zu laufen, mindestens 5 Kilometer. Die Demo war, obwohl so spontan, perfekt organisiert. Wir liefen als enger Block alle gemeinsam. Den Bullen diktierten wir Anweisungen. Sie hätten sich von der Demo fernzuhalten, wir würden Route und Tempo bestimmen. Und aufgrund des langen Tages, der Ermüdung der Bullen, aber auch aufgrund der Spontaneität, die ihnen keine Zeit ließ, ein Drehbuch für ihr Vorgehen zu schreiben, waren wir es die agierten und die Bullen diejenigen die nur noch reagieren konnten.

Ich beschreibe das hier so detailliert, weil es eine Schande ist, dass Blockupy das nicht als Blockupy-Aktion gewertet hat. Im Klartext heißt das, wer nicht auf der Demo war, hat keine Ahnung, dass sie stattgefunden hat. In keiner Pressemitteilung und auf keiner Kundgebung wurde erwähnt, dass Blockupy spontan mit 800 Menschen das türkische Konsulat besucht hat, um Solidarität mit den Kämpfen in der Türkei zu zeigen.

Was mich an Blockupy Düsseldorf 2014 besonders schockierte war die absolute Stille über den faschistischen Terror in der Ukraine. Nicht ein Redebeitrag, nicht ein Transpi, nicht einmal ein Schild, deuteten darauf hin, dass man die Entwicklung in der Ukraine nicht vergessen hatte. Blockupy war ja nie besonders antifaschistisch und hatte seinen Schwerpunkt bisher eher bei der Kapitalismuskritik. Nurch durch Einflüsse von einzelnen Gruppen im Bündnis konnten die Aktionen gegen Abschiebungen durchgesetzt werden.

Ich könnte jetzt ja noch ewig so weitermachen. Es ist eine lange, komplizierte Geschichte mit mir und Blockupy. Aber ich denke, anhand der Beispiele habe ich ganz gut verdeutlichen können, warum Blockupy nicht kritiklos gesehen werden darf. Nebenbei, nichts sollte kritiklos angenommen werden. Wir sind Linke, da gehört es dazu alles zu hinterfragen, immer wieder! 😉

Auch wenn ich all diese Kritikpunkte habe, so werde ich natürlich im Herbst in Frankfurt sein und über die Blockierung der EZB-Eröffnung berichten. Zum einen sehe ich es als meinen Job bei einem solchen Groß-Ereignis dabei zu sein, zum anderen habe ich auch eine gewisse Hoffnung, was den Herbst angeht.

Es ist sicher, dass eine Menge Gruppen aus dem Ausland anreisen werden, die eine andere Stufe der Polizeigewalt gewohnt sind und schon Methoden entwickelt haben, besser damit umzugehen. Diese Menschen stehen zum Teil unter viel größerem Druck als wir hier in Deutschland. Sie kämpfen auf der Straße tatsächlich um ihre nackte Existenz. Die Troika rottet ganze Länder aus und ihre Politik wird nun mal maßgeblich in Deutschland bestimmt. Zum anderen setze ich meine Hoffnungen in „Ums Ganze„, ein kommunistisches Bündnis, welches zwar Blockupy mitorganisiert, aber deutlich radikaler eingestellt ist und in 2012 und 2013 herbe Kompromisse eingegangen ist. Ich kann mir vorstellen, dass nach der durch die Bullen vereitelte Demo 2013 „Ums Ganze“ gute Argumente für eine radikalere Vorgehensweise hat.

Eines dürfte wohl klar sein, nach Blockupy 2013 und Hamburg: Große, linksradikale Demos dürfen einfach nicht mehr laufen. Und die Polizei ist arrogant geworden. Sie mimt nicht mal mehr künstlich Szenen, aufgrund derer sie sich die Legitimation gibt zu knüppeln, zu verhaften und zu eskalieren. Sie tut es einfach so, ganz ohne Grund. Doch genau da liegt unsere Chance. Schon jetzt hat sich durch die ständigen Horror-Meldungen von Krieg, Wirtschaftskrise und Elend, auch in Deutschland ein Unwohlsein gegenüber dem Kapitalismus breitgemacht. Antikapitalismus ist nicht mehr das böse Monster aus der linksextremen Ecke, es ist auch die Hausfrau und Mutter, die sich fragt, was für eine Welt sie ihren Kindern hinterlässt. Schaffen wir es, der Bevölkerung zu erklären, dass Autonomie und Radikalität nicht Gewalt und Unterdrückung sondern die Befreiung daraus bedeuten, so können wir mit einer breiten Solidarisierung rechnen. In Teilen hat sie sich schon bei der Sündenblock-Demo in Frankfurt gegen Polizeigewalt abgezeichnet. Dort demonstrierten ungefähr so viele Teilnehmer*Innen wie bei der Blockupy-Demo eine Woche zuvor völlig friedlich und mit einem Minimal-Aufgebot an Cops stundenlang durch die Innenstadt und setzten ein Zeichen gegen Polizeiterror und Gewalt.

Wenn wir für ein „demokratisches Europa von unten“ sind, wie es auf einem Blockupy-Banner zu lesen war, so müssen wir diese Strukturen aufbauen und vorleben. Niemand wird uns die Basisdemokratie abnehmen, wenn unsere eigenen Strukturen streng hierarchisch sind. Für mehr Beteiligung an der Blockupy-Orga! Für Transparenz bei den Entscheidungen! Für mehr politische Inhalte und weniger Camp-Party-Kultur! Für mehr Solidarität mit Genoss*Innen die durch Repression bedroht sind! Für mehr antinationale Solidarität! Und vor allem für mehr Raum für eigene, kreative, spontane Aktionen!

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Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

4 Kommentare zu „#BlockupyDD – #Blockupy in #Düsseldorf 17.05.2014“

  1. Danke für deinen Bericht! Wäre super, wenn du noch weitere Links zu solidarisch-kritischen Berichten / Artikeln zu Blockupy twittern könntest, also wenn du welche findest. IMHO waren die TN-Zahlen ein Armutszeugnis! Wenn sich da nichts ändert in den nächsten Jahren, kann Blockupy einpacken!

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