Alles planen geht eh nich… Hauptsache raus aus Kaltland!


Schon die ganzen letzten Tage geht mir durch den Kopf, dass es höchste Zeit für einen neuen Blogpost ist. Denn es hat sich einiges getan, bei uns.

Wie viele von euch ja mit Sicherheit bei Facebook und Twitter gesehen haben, waren René und ich wieder mal in Spanien unterwegs. Vom 30.04. bis zum 04.05. waren wir in Madrid, bei einem guten Freund und haben uns aus erster Reihe vom Erfolg von Podemos überzeugen können. Genau wie vom Erfolg der runderneuerten linken Szene in Spanien. Ich zitiere nun unseren guten Freund aus dem Gedächtnis über ein Problem in Deutschland, welches einen der Gründe benennt, warum ich dieses Land so schnell wie möglich verlassen möchte:

„Der große Unterschied zwischen Spanien und Deutschland ist, dass in Spanien alle, egal wen sie letzten Endes wählen, wissen, dass die Verursacher der Krise die Banken, die Konzerne und die Regierung sind. Keiner kommt auf die Idee, den Flüchtlingen und Ausländern die Schuld dafür zu geben. In Deutschland ist es genau anders herum.“

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Auf der revolutionären 1.Mai-Demo konnte man gut erkennen, was 15M, als großes Bündnis der linksradikalen Szene in Spanien, hervorgegangen nach einer „revolutionären“ Umorientierung vieler einzelner, autonomer Gruppen, erreicht hat. Ein Querschnitt der Gesellschaft lief bei dieser Demo mit. Vom Jugendlichen bis zur Oma mit Krückstock zogen mehrere Tausend Menschen durch Madrid und auf dem Weg zum Platz am Museum Reina Sofia schlossen sich immer mehr an. Genauso ist es bei fast allen anderen linken Aktionen, Kundgebungen und Demonstrationen. Ob Hausbesetzung oder Verteidigung linker Zentren, die Gesellschaft trägt linken Protest und ist Teil dessen. In Deutschland beobachte ich mit wachsender Sorge eine zunehmende Abschottung linker Strukturen, eine zunehmende Oberflächlichkeit in Bezug auf linke Inhalte und Positionierungen, eine Art Konsum der linken Symbole und des Sprachgebrauchs und eine absolute Arroganz gegenüber allen und allem, was nicht Teil dieser sehr exklusiven Szene ist. In Zeiten, in denen wieder tagtäglich Übergriffe auf Flüchtlingsheime stattfinden, in denen linke Politiker*Innen bedroht werden, in denen die Nazis, vor allem die in Uniform und Anzug, wieder Oberwasser bekommen, in denen die letzten Zeitzeugen von Hitler aussterben, ist es für mich erschreckend, wenn ich überlege, wie wenig wir all dem entgegen zu setzen haben. Die Gesellschaft ist völlig programmiert auf Konsum, Arbeit und Konkurrenz. Dabei wird wie immer nach oben gebuckelt und nach unten getreten. Das Denunziatentum wächst, denn da wo ich jemanden verpfeife, springt für mich selbst vielleicht etwas Gutes raus. Ich will und kann so nicht mehr leben. Natürlich gibt’s auch Nazis in Spanien und natürlich ist die PP die Nachfolgepartei von Franco und die Guardia Civil eine Militärpolizei, allesamt sind sie korrupt bis ins Letzte und absolute Menschenfeinde. Aber, die spanische Bevölkerung hat sich eines bewahrt: Menschlichkeit. Der Neoliberalismus hat es, anders als in Kaltland, nicht geschafft, die Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Die Gründe dafür mögen unterschiedlich sein, für uns allerdings ist es ein weiterer, wichtiger, wenn nicht gar der wichtigste Grund, uns so schnell wie möglich in Spanien anzusiedeln.

Doch kommen wir zurück zum letzten Urlaub. Am 04.05. ging es mit dem Bus 6 Stunden lang nach Torremolinos, an der Costa del Sol in Andalusien. Das Wetter war einfach herrlich, wir waren mehrmals im Meer schwimmen, sind viel spazieren gegangen und haben einige Tage mit Renés Stiefvater verbracht, der in Benalmadena seit vielen Jahren lebt. An unserem letzten Tag haben wir uns mit Stefan und Isa getroffen. Kennen gelernt hatten wir uns über Twitter, durch das Hashtag #Benalmadena. Er ist vor etlichen Jahren nach Torremolinos ausgewandert und hat jetzt in Malaga eine Finca, auf der er Hunde betreut. Es war toll und sehr inspirierend zu erfahren, wie er sich damals dazu entschieden hat, Deutschland zu verlassen. Er hat da deutlich weniger vorbereitet und geplant wie wir und nun das zweite Zitat aus dem Gedächtnis:

„Es gibt nur eine Sache die ich bereue: Dass ich nicht schon vor 20,30 Jahren diesen Schritt getan habe.“

Dieser Satz geht mir nun nicht mehr aus dem Kopf und ich spüre, dass jeder Tag hier in Kaltland eine Verschwendung meines Lebens ist. Ich will so nicht mehr leben. Ich will nicht ständig frieren müssen, sondern stattdessen ganzjährig Sommer haben, wollte ich schon als Kind. Ich will mit meinen Nachbar*Innen, Freund*Innen, Kolleg*Innen und auch und vor allem mit Fremden in einer Gemeinschaft leben. Ich will weniger Geld verdienen und mehr das Leben genießen. Ich will versuchen etwas zu finden, wo ich mich verwirklichen kann, und damit dann so viel Geld zu verdienen, dass es für meine bescheidenen Ansprüche reicht. Ich will mehr Zeit mit meinem Mann und meinem Kater verbringen. Ich glaube, dass die allermeisten dieser Dinge sich in Spanien verwirklichen lassen.

Noch etwas von Stefans Worten hat sich bei uns eingeprägt. Er hat damals als erstes eine kleine Bar aufgemacht, um ein wenig Geld zu verdienen, die Sprache zu lernen, Menschen zu treffen, Fuß zu fassen. Ich arbeite seit 13 Jahren in der Gastronomie. Ich habe viel Erfahrung und ich kann ohne arrogant zu sein, behaupten, dass ich wirklich gut in meinem Job bin. Im Grunde war es immer mein Traum, endlich meine eigenen Ideen und Konzepte umsetzen zu können. Nun ja, es ist natürlich noch nichts entschieden, aber wir werden uns, wenn wir Mitte Juli für 2 Wochen nach Teneriffa fliegen, auch gezielt kleine Bars und Kneipen, die zu vermieten sind, angucken. Erste Ideen für Konzepte, Öffnungszeiten, Speise- & Getränkekarte und Räumlichkeiten gibt es auch schon.

Ansonsten versuchen wir so sparsam wie nur möglich zu leben, was uns auch ganz gut gelingt, wenn man mal davon absieht, dass der Urlaub (wie immer) etwas teurer als geplant wurde, was wir allerdings bereits mit eingeplant hatten, so dass wir uns zur Zeit zwar am Limit, aber nicht in finanzieller Not befinden. 😉

Durch das Foodsharing und das konsequente Verweigern von Konsum, bzw. absolute Beschränkung auf das Minimum zum Leben, kommt doch ordentlich Geld zusammen. Aber da ich doch ganz gerne einkaufen gehe, also in Secondhand-Läden und auf Flohmärkten und so, kostet es mich ab und an extreme Überwindung, schönen Nippes nicht mitzunehmen, vor allem wenn er umsonst ist, wie z.B. beim Sperrmüll. Nun, den 2,10 großen Fikus, mit Ausmaßen, dass er kaum durch unsere Wohnungstür passte, konnte ich trotzdem nicht stehen lassen. Die vom Sperrmüll hätten den geschreddert und so eine Pflanze ist genau so ein Lebewesen wie wir Menschen oder die Tiere. Nach dieser Argumentation konnte auch die Krawall-Kröte (oder wie er sich seit neuestem nennt: La Disturbio-Tortuga) nicht mehr viel sagen. Zumal solche großen Pflanzen in der Gärtnerei einige Euros kosten und wir sie bei unserem Wohnungs-Auflösungs-Trödelmarkt vielleicht noch für ein paar Euros in ein gutes, neues Zuhause verfrachten können. 😉

Die spanische Sprache zu lernen ist zur Zeit mein Hauptziel. Irgendwie hat es im Urlaub den Punkt erreicht, wo man vom absoluten Frustriert sein hinkommt, zu gelegentlichen Erleuchtungen. Sprich, ich versteh jetzt ab und an Worte und manchmal sogar ganze Sätze. Das spornt unheimlich an, vor allem seitdem ich zu Hause nur noch spanische Fernsehsender laufen lasse. Außerdem versuche ich auf Twitter und Facebook in zwei Sprachen zu schreiben, so dass ihr alle an meinem selbstorganisierten Sprachkurs teilnehmen könnt. Auf Twitter folge ich nun auch spanischen Accounts, einige touristische von den Kanaren, oder von ganz Spanien, aber auch politischen, wie z.B. einigen von Podemos. Die Übersetzungsfunktion bei Twitter bringt zwar oft lustige Sätze zustande, der Sinn allerdings kommt meistens rüber und man kann sich, wenn man sich im spanischen Satzbau ein wenig auskennt, die Vokabeln alle einzeln übersetzen. In Madrid habe ich mir mein erstes, spanisches Buch gekauft. Angefangen habe ich allerdings bisher noch nicht, was mehr der Zeit geschuldet ist, als dem Interesse. Nach dem Urlaub braucht man, also zumindest ich, ja immer eine Zeit, um wieder richtig im Alltag anzukommen. Vor allem, wenn man diesen Alltag eigentlich so schnell wie möglich loswerden will. In diesem Sinne zähle ich die Tage (es sind 59) bis wir wieder auf „unserer Insel“ sind. 😉

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Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

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