Eigenes Café und politischer Wandel… Spanien, wir kommen!


Es hat sich wieder einiges getan, in unserem Leben, daher veröffentliche ich heute einen weiteren Artikel unter der Rubrik „Auswandern nach Teneriffa“. Wie bereits im letzten Blogpost erwähnt, ist uns der Gedanke eine kleine Bar aufzumachen, nicht mehr aus dem Kopf gegangen. René hat die Idee gehabt, eine Art Kulturcafé zu machen, in dem junge Künstler*Innen eine Bühne bekommen und gleichzeitig junge Leute angezogen werden, denn von unserem Kontakt auf Teneriffa haben wir erfahren, dass sich das Freizeit-Angebot eher an älteren Tourist*Innen orientiert und junge Leute oft quer über die Insel fahren, um eine Veranstaltung zu besuchen.

Und wie das Schicksal so will, hat sich mir in Wuppertal die Möglichkeit eröffnet, meine Fähigkeiten als Geschäftsführerin eines Cafés auszuprobieren.

Ich arbeite seit 13 Jahren in der Gastronomie und habe die unterschiedlichsten Jobs gehabt, Bowlingbahn, Frühstückscafé, Biergarten, Edelrestaurant, Cocktailbar, usw.. In all meinen Jobs hab ich stets mit Feuereifer gearbeitet, weil mir mein Job immer Spaß gemacht hat. In den vergangenen Jahren allerdings hat sich meine Gesundheit gemeldet und mir erklärt, dass mit zunehmendem Alter 50 Liter-Fässer wechseln und 16 Stunden-Schichten nicht die allerbeste Idee sind. Doch an meiner Leidenschaft für meinen Beruf hat sich dadurch nichts geändert. Ich versuche jetzt nur schonender mit meinem Körper umzugehen. Doch zurück zum aktuellen neuen Projekt: Das Café Stilbruch auf dem Ölberg werden viele Wuppertaler*Innen kennen, hier die Facebook-Präsentation. Es hatte über einen längeren Zeitraum keine Lizenz zum Alkoholausschank, wodurch es zahlreiche Gäste verlor. Außerdem fehlte es am Ende an Personal und Struktur. Mustafa bat mich um Hilfe, ich überlegte und sagte zu. Ehrenamtlich baue ich nun mit einigen wunderbaren Menschen das Café Stilbruch wieder auf. Es ist unglaublich endlich alle eigenen Ideen, die man immer hatte, umsetzen zu können. Es ist toll zu sehen, dass jeden Tag mehr Menschen realisieren, dass im Stilbruch wieder etwas passiert. Und es ist eine riesige Herausforderung, auch auf politischer Ebene. Denn mein Mann und ich wollen Deutschland so schnell wie möglich verlassen. Das heißt, im Café Stilbruch muss ein Team gebaut werden, was ohne mich als „Chef“ funktioniert. Doch zunächst muss die Gastronomie wieder ans Laufen gebracht werden und es müssen Strukturen aufgebaut werden, Veranstaltungen organisiert werden, Angebote ausgedacht werden, Bürokram erledigt werden, und noch vieles mehr. Nun, ich hätte diese Herausforderung nicht angenommen, wenn ich nicht zu 100% davon überzeugt wäre, dass es funktioniert.

Politik und Kultur auf Deutsch und Spanisch

Ansonsten machen mir die „deutschen Verhältnisse“ extreme Angst und schlechte Laune. Das Wetter ist für Ende Mai beschissen kalt, die Menschen sind beschissen unfreundlich und unmenschlich und die Politik ist beschissen alternativlos. Wie wunderbar erfrischend war es da, die spanischen Regional- und Kommunalwahlen vorgestern live auf Twitter zu verfolgen. Linksruck in Spanien, titelt neues deutschland und in Barcelona wird eine Hausbesetzerin Bürgermeisterin.

Ada Colau - Die neue Bürgermeisterin von Barcelona bei der Besetzung einer Bank
Ada Colau – Die neue Bürgermeisterin von Barcelona bei der Besetzung einer Bank

 

Während ganz Spanien dabei ist Politik zu machen, und das ist es tatsächlich, denn gerade in Barcelona wird alles in lokalen Assambleas auf der Straße entschieden, nörgelt die deutsche Linke lieber über den Parlamentarismus und erzählt dem stets kleiner werdenden hauseigenen Publikum wie großartig sie alle doch sind. Mit der Gesellschaft will die deutsche Linke nichts zu tun haben, das sind Sklav*Innen des Kapitalismus, die sowieso viel zu beschäftigt mit Lohnarbeit sind, um sich politisch zu engagieren. Dass die Gesellschaft gerade jetzt empfänglich für ihre Botschaften wäre, da sich auch in Deutschland die Krise immer weiter verschärft, davon bekommt man in den AZs wenig mit. Das Internet wird den Nazis überlassen, die Straße dem Staat. Stattdessen schreibt man lieber endlos lange Kritikpapiere über andere linke Gruppen und zieht einmal im Monat wütend und laut mit Transparenten um die Kirche. Das hält weder den Rassismus, noch die Krise auf. Natürlich sollte man den Parlamentarismus kritisch sehen, tue ich ja auch. Aber interessanterweise haben gerade die Bündnisse und Initiativen die meisten Stimmen geholt, die eine basisdemokratische Organisierung haben. Podemos, die sich für einige Spitzenkandidat*Innen entschieden hatte, holte vergleichsweise weniger Stimmen. Die Spanier*Innen haben also dafür gestimmt, selbst Politik machen zu können. Das ist der Verdienst von #15M, die seit 2011 konsequent die Banken, Konzerne und die Regierung für die Krise verantwortlich macht und gleichzeitig Alternativen aufgezeigt hat. 15M ist ein Zusammenschluss von ca. 800 Menschen aus der linksradikalen Szene gewesen, der zu Beginn der Krise bemerkt hat, dass er den Kontakt zur Gesellschaft verloren hat und dass es nötig ist, neue Wege zu gehen. Das Internet spielte dabei eine zentrale Rolle. Die Livestreams von heftiger Polizeigewalt gegen friedliche Demonstrant*Innen zog in Spanien nach und nach Millionen Menschen auf die Straße und anschließend auf die Plätze, wo sie damit begannen reale Politik zu machen, Politik für ihr Viertel, mit ihren Nachbar*Innen. Es ist die Art wie die Spanier*Innen Dinge sehen, nämlich positiv. Si se puede & Podemos stehen als Beispiele für eine an der Realität orientierte linksradikale Politik, die sich in der Stadt den Raum erobert und mit sozialem Engagement auch die Herzen der Menschen. Es bleibt abzuwarten, ob Podemos den basisdemokratischen Ansatz seiner Bündnisse verfolgt und ausbaut oder ob man sich lieber aufs alte Spiel von PSOE und PP einlässt.

Doch egal wie das nun ausgehen wird, ich denke nicht, dass die Spanier*Innen sich ihr Recht Politik zu machen je wieder nehmen lassen. Und genau das will ich auch tun. Ich will gemeinsam mit Menschen etwas schaffen, Dinge realisieren, die Welt für mich und meine Lieben besser machen. Adios deutsche Linke…

 

Hier eine kleine Linksammlung mit interessanten Texten zu den Wahlen in Spanien:

Raul Zelik über den eigentlichen Gewinner: #15M

Die taz titelt: „Hausbesetzende Nachbarin“

Die Junge Welt: „Linksruck in Spanien“

neues deutschland: „Spanien hat gewählt: Eine ‚demokratische Revolution'“

Neue Züricher Zeitung: „Zwei Frauen für den politischen Wandel“

heise: „‚Demokratische Revolution für Südeuropa‘ aus Spanien“

 

Und das hier ist zum Ausspannen und Genießen…

 

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Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

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