Wir haben versagt!


Wir haben versagt!

Die linke Szene in Deutschland ist so gut wie tot. In Zeiten, in denen sich nachts Nazi-Mobs vor Geflüchteten-Unterkünften zusammenrotten, schaffen wir es zwar mit wenigen hundert Menschen notdürftig das Schlimmste zu verhindern, aber wie lange wird das noch so sein, wenn die Stimmung im Land immer weiter nach rechts driftet? Wenn beim nächsten Mal statt 100 Nazis 1000 kommen? Wenn sie nicht nur Steine und Rauchbomben haben, sondern auch Messer, Gewehre, Pistolen?

Wir müssen reden und zwar dringend!

Obwohl sich die soziale Situation in Deutschland immer weiter verschärft, werden wir immer kleiner. Nirgendwo in Europa ist die Schere zwischen Arm und Reich so groß wie bei uns und dennoch gehen in Deutschland verhältnismäßig wenig Menschen dagegen auf die Straße. Und wenn sie gehen, dann häufig mit denen, die sich die Zukunftsängste der Menschen zu Nutze machen, die Rechten. Sie holen die Menschen mit ihren Ängsten da ab, wo sie sind, z.B. auf Facebook. Die Nasen machen gute Medienarbeit, sie wissen genau wie man Seiten auf Facebook innerhalb von Stunden auf tausende von Klicks jagt. Und so verbreiten sie im Netz und damit auch in den Köpfen der Menschen ihre rassistische Hetze. Wir schreiben derweil einen bösen Artikel darüber auf indymedia, den wir dann selber lesen und natürlich kritisch hinterfragen, weil das macht man ja als Linke*r. Außer uns liest den Artikel niemand, aber das ist auch nicht so schlimm, man ist ja schon genug mit der Kritik aus den eigenen Reihen beschäftigt. Und während immer mehr Menschen nicht mehr wissen, wo sie etwas zu Essen herbekommen, streitet sich die deutsche Linke darüber, ob man jetzt statt Volxküche nicht lieber KücheFürAlle (KüFa) sagen soll. Während in Deutschland die Frauen im Schnitt immer noch ein Drittel (!!!) weniger verdienen als die Männer, philosophieren die Feminist*Innen darüber, ob jetzt mit Sternchen oder mit Unterstrich oder mit x gegendert wird.
Und während jeden Tag mehr Geflüchtete zu uns kommen, die, wie z.B. in Freital, immer mehr um ihr Leben fürchten müssen, obwohl sie doch aus genau diesem Grund geflohen sind, ist die Antifa in vielen Bereichen wohl eher eine Subkultur mit Konsumgesellschaft, als eine antifaschistische Aktion, die Dinge bewegen und Menschen schützen kann. Wir haben eigene Buttons, eigene Musik, eigene Getränke, einen eigenen Sprachgebrauch, nur der eigene Inhalt ist uns verloren gegangen. Und genau aus diesem Grund haben wir auch den Kontakt zur Gesellschaft verloren. Wir verschanzen uns in unseren wenigen AZs und sozialen Zentren, die uns noch geblieben sind, trinken Bier, hören Punk und zeigen den Lohnsklav*Innen, die draußen herumlaufen, den Mittelfinger. Anstatt denen da draußen die ganze Zeit vorzuwerfen, dass sie Fleisch essen, bei Kik einkaufen oder bei Starbucks Kaffee trinken, sollten wir uns besser mal fragen, was wir für die Menschen da draußen tun können. Wir wollen eine bessere Welt? Dann lasst uns doch endlich anfangen sie zu bauen! Gehen wir nach draußen und hören wir den Menschen zu, lernen wir sie kennen und geben wir ihnen das Vertrauen in die Menschlichkeit zurück. Überzeugen wir sie mit unseren Argumenten, denn wir haben viele und sie sind großartig. Leben wir doch vor, wie wir uns die Welt wünschen. Seien wir selbst die Veränderung, die wir uns wünschen.
Wir müssen lernen uns zu öffnen, unsere Strukturen, unsere Türen und unsere Herzen. Wir müssen eine verständliche Sprache sprechen, damit uns alle verstehen.

In Zeiten, in denen Jugendliche YouTube-Videos mit Sechs-Sekunden-Schnitten anschauen, alle 30 Sekunden unterbrochen von Werbung, können wir nicht mit einem 2 ½ Stunden Vortrag über die Theorien des Anarchismus kommen und erwarten, dass wir in Scharen Zuwachs bekommen. Wir müssen stattdessen in unseren Stadtteilen, in unseren Kiezen, die Nachbarschaft zum Leben erwecken. Wir müssen Hände reichen, Probleme lösen, zuhören und nachdenken. Vor allem nachdenken über neue Strategien und neue Konzepte. Es müssen neue Ideen heran, für eine neue Zeit. Wenn wir das Ruder noch herumreißen wollen, müssen wir es jetzt tun. Denn in wenigen Jahren werden wir dann tatsächlich über bloße Theorien sprechen, wenn wir über Solidarität und Menschlichkeit reden. Und diese Gefühle als bloße Theorie vermitteln zu können, halte ich für schwierig bis unmöglich.

Innerhalb von wenigen Jahren hat es der Neoliberalismus in Deutschland geschafft, eine ganze Generation von obrigkeitshörigen, konsumfixierten und indiviualisierten Menschen heranzuziehen, die sich darüber freuen, ein unbezahltes Praktikum für einen Milliardenkonzern machen zu dürfen. Vor zwanzig Jahren hätten da alle herzlich drüber gelacht.
Wenn der Prozess des Neoliberalismus abgeschlossen ist, haben wir keine Chance mehr. Wir müssen jetzt handeln. Es bedarf jetzt einer Runderneuerung der linken Bewegungen in Deutschland. Alte Denkmuster und Strukturen müssen kritisch hinterfragt werden. Medien- und Pressearbeit ist dabei wohl eines der wichtigsten Themen. Ich könnte mich jedes Mal ausschütten vor Lachen, wenn ich höre, dass nach der Demo oder Aktion wieder niemand mit der Presse sprechen will und sich zwei Tage später dann alle ganz furchtbar darüber aufregen, was die Presse für einen Mist geschrieben hat. Tja, wenn sie nur unsere Gegner*Innen befragen darf, dann ist es logisch, dass die Berichterstattung unausgewogen ausfällt. Ja, ich weiß, dass die Presse manchmal auch Mist schreibt, wenn man mit ihnen spricht. Dagegen schützt man sich am besten, in dem man eigene Medienarbeit macht und selbst alles dokumentiert.

Dafür müssen Menschen ihre Gesichter in die Öffentlichkeit stellen. Ja, das sehen dann auch Staat und Nazis und Ja, das kann dann auch gefährlich werden. Aber seien wir mal ehrlich, die Nazis haben super Tele-Objektive und über die Überwachungsmöglichkeiten des Staates brauche ich ja hier wohl nicht weiter zu referieren. Da wir so wenige sind, ist es für unsere Gegner*Innen auch nicht viel Arbeit. Durch unsere Subkultur sorgen wir also nicht nur dafür, dass wir immer kleiner werden, wir bringen uns damit selbst direkt in die Repressionsmaschine des Staates und auf die Flugblätter der Nazis.
Wenn wir aber unseren Ideen unsere Gesichter geben, können wir Sympathiepunkte sammeln und wachsen, Menschen inspirieren, Menschen dazu bringen, sich uns anzuschließen. Wir können sie mit unseren Gesichtern direkt ansprechen. Wir können dem Staat Arbeit für Jahrzehnte geben, wenn wir sie zuschütten mit Material, was sie auswerten müssen. In Barcelona sind insgesamt 8 Beamte dafür zuständig Videomaterial von Protesten auszuwerten. Die neu aufgestellte spanische Linke #15M hat in allen größeren Städten in Spanien Workshops veranstaltet, in denen sie erklärte, wie man auf einer Demo streamt, also ein Live-Video ins Netz stellt. Was passierte?
Die Demos wurden größer, mehr und mehr Menschen streamten, sendeten auch die Bilder von der unfassbaren Polizeigewalt. Daraufhin gingen immer mehr Menschen auf die Straße und vor allem anschließend auf die Plätze und in die Parks, wo sie in Asambleas neue basisdemokratische Modelle entwickelten. Sie gründeten Basis-Initiativen und Podemos und holten bei den Regional- und Kommunalwahlen am 24. Mai 2015 in vielen Städten die Mehrheit. Ein Linksruck ging einmal quer durch’s Land und im Moment sieht es so aus, als würde sich das im November bei den Parlamentswahlen noch verstärken.
Ein Zitat, eines sehr guten Freundes, der Spanier ist, lange in Deutschland & Belgien gelebt hat und nun im Madrilener Parlament sitzt, zuständig für die Transparenz von Podemos, will mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich gebe es hier mal sinngemäß wieder:
„Der Unterschied zwischen Spanien und Deutschland?
In Spanien weiß jede*r, egal was er am Ende wählt, wer für die Krise verantwortlich ist, nämlich Banken, Konzerne und Regierung. Auf Flüchtlinge oder Migrant*Innen kommt hier so gut wie niemand. In Deutschland ist es genau anders herum.“

Klar, wir sind noch lange nicht am Ziel und Klar, das Parteiensystem ist kritisch zu betrachten. Doch seien wir mal ehrlich, was haben wir denn in den letzten Jahren so auf die Beine gestellt? Haben wir Millionen junge Menschen politisiert? Haben wir Millionen dazu gebracht, für etwas zu kämpfen und sich zu engagieren? Haben wir die Situation für Menschen besser gemacht, in dem wir ihnen unsere Strukturen angeboten haben? Haben wir mit unserem Viertel ein geräumtes und bereits halb abgerissenes Soziales Zentrum zurück erobert und neu aufgebaut?

Wir müssen reden!
Kommt am 4. & 5. Juli nach Wuppertal!
In einer zweitägigen Veranstaltung wollen wir die politische Situation in Spanien analysieren und gemeinsam erarbeiten, was wir daraus lernen können. Wir haben ein soziales Café in dem es sehr kostengünstig Essen und Getränke gibt (im Notfall auch gegen Spende) und eine Schlafplatzbörse.

Samstag 04. Juli ab 10:00 Uhr (Ende offen) und Sonntag 05. Juli von 10:00 bis 18:00 Uhr
Café Stil Bruch Marienstraße 58, Wuppertal und Otto–Böhne–Platz, Wuppertal

Facebook-Veranstaltung

Schlafplatzbörse: 4und5juli@gmx.net

PS: Wer bis hier hin gelesen hat, hat sich das PS jetzt verdient! 😉
Der Artikel ist reißerisch und polemisch, ich weiß. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Zuspitzungen hin und wieder ganz gut sind, um Energien freizusetzen. Erstens gibt es auch in Deutschland natürlich ganz wunderbare Menschen, die sich für wichtige Sachen engagieren und großartige Arbeit leisten, auf vielen verschiedenen Ebenen. Zweitens: Hätte ich die Hoffnung aufgegeben, hätte ich diesen Artikel wohl nicht geschrieben. #DieTotenKommen hat mir diese Hoffnung gegeben. Ich danke dem Zentrum für politische Schönheit für diese großartige und wundervolle Geste, die Deutschland ein Stückchen menschlicher gemacht hat und mich dazu gebracht hat, diesen Artikel zu schreiben. Holen wir uns die Menschlichkeit zurück!

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22 Gedanken zu “Wir haben versagt!

  1. Der Artikel ist doch gar nicht reißerisch. Er bringt es auf den Punkt und erscheint reißerisch weil er sich zur Abwechslung mal nicht hinter theoretischen Verklausulierungen versteckt wie es in der linken Szene sonst so üblich ist.

  2. Ich bin ein paar Tage zu spät (stieß gerade erst via Twitter auf den Link). Wird die Debatte irgendwo aufgegriffen und fortgesetzt? Ich fände es schade, wenn solche Impulse verpuffen – was sie gefühlt in meiner Wahrnehmung immer und immer wieder tun.

  3. Angenehmer Textinhalt, der genau die Vorraussetzung bietet, sich überhaupt wieder verständigen zu können. Leider erkennst auch Du nicht die Folge der willkürlichen Deformation von Sprache, die genau das Gegenteil erreicht, was damit erreicht werden soll.
    Daher zu Beginn gleich die Kritik
    Sprache hat den Sinn der Verständigung, sie transportiert nur die Information, sie ist nicht die Information selbst. Beispiel: Gender bastelt nur an der Form, sie verhindert aber die sinnvolle inhaltliche Diskussion.
    Gender reduziert den Menschen auf sein Geschlecht, es ist tatsächlich sexistisch, rassistisch und kreationistisch. Gender ist eine reine Bewertung und damit ein rein emotionalisierender Vorgang.
    Das Problem ist tatsächlich die Wertung und nicht die Sprache. Gender ist ein falscher Ansatz, denn dieser baut eine Front auf, die es nicht gibt, sie dient dem Spalten und Herrschen. Ein Patriarch kann problemlos ein Mensch weiblichen Geschlechts sein.
    Fordert doch beispielsweise einfach die Umbennung des generischen Maskulinums in generisches Humanum.
    Laßt die Sonderform -in und -innen weg, dann wird klar, daß der Begriff „Besucher“ nicht nur die Menschen mit männlichen Geschlechtsteilen meint.
    Es gibt dann nur noch Menschen und keine Hervorhebung mehr.

    Wer nur die Form verändert, verhindert die Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Hört auf mit der Verschlüsselung von Sprache durch Sprachcodes und geschaffenen Sprachbarrieren. Solange ihr euch selbst in euren selbst geschaffenen Identifikationsmodus der Zugehörigkeit bewegt, ist eine empathische Gemeinschaft weiter weg, als die Erde vom Mond.
    Das mag euch gefallen oder auch nicht, das ist die erkennbare Konsequenz des wahrscheinlichen Scheiterns.

    Vielleicht versteht einer (gemeint ist damit sprachlich ein Mensch nicht ein biologischer Mann) die Folgen:

    Niemand muß einem anderen Anarchismus lehren, es reicht vollkommen, die Wirklichkeit zu erkennen und sie zu verstehen. Ansonsten versucht ihr etwas zu schaffen, das längst da ist, denn die Wirklichkeit muß nicht gefunden werden.
    http://is.gd/neudenk

    Und ja, ich stelle mich jeder Diskussion, sofern diese überhaupt erwünscht ist.

    Lieben Gruß

  4. Eine etwas dunklere Schrift auf einem etwas helleren Hintergrund wäre ein hilfreicher Beginn, dann kann man euch auch lesen… also nur so als Tip jetzt!

    • Habe ständig Theater mit dem Theme was ich auswähle… :-/
      Finde es auch nicht so super, aber im Moment habe ich zu wenig Zeit, um den kompletten Blog umzugestalten und WordPress verändert andauernd die Einstellungen, so dass ich mich jedes Mal auch noch da durcharbeiten muss.
      Danke für dein Feedback. 🙂

  5. Wow, richtig guter Artikel. Zwar bin ich mir dessen bewusst, dass es alles ein wenig zugespitzt dargestellt wurde, aber es hat schon in vielen Punkten seine Richtigkeit – Zumindest da, wo ich her komme.
    Trotz allem motiviert mich dieser Beitrag irgendwie auch. Hm.
    So. Nun als kleine Frage – am 5.-6. Juli, werden Jugendliche (so um die 14) da eher ungerne gesehen? Eventuell, aber auch nur eventuell, befinde ich mich in diesem Alter und war noch nie auf so einer Veranstaltung.

  6. Ich stimme dir in weiten Teilen zu. Einen ähnlichen Apell richte ich seit Jahren an meine Mitstreiter_innen und die Medien in denen ich ab und an publiziere. Ich habe vielleicht deshalb schon so früh mit diesen Apellen begonnen, weil sich hier in Sachsen die Entwicklung schon eine Weile absehen lässt. Leider funktioniert es meiner Erfahrung nach nicht mit so allgemein-strategischen Argumentationen an die Leute zu treten. Ich habe mich nach jahrelangem Herumwälzen über dieses Problem dazu entschlossen sehr aktiv an der Aufbau-Arbeit der FAU teilzunehmen. Das ist m.M.n. aktuell die beste Option für einen Entwicklung der libertären Bewegung und die Verhinderung eines unumkehrbaren Rechtsrucks in Deutschland. Die FAU ist eine Föderation lokaler Basisgewerkschaften mit dem Anspruch gewerkschaftlich effektiv zu arbeiten, Stück für Stück auch alle anderen politischen und sozialen Bereiche (Reproduktion, Wohnen, Schule, „Freizeit“, etc.) und Themen (Feminismus, Antifaschismus, Barrierefreiheit, Refugee-Struggle, etc.) zu organisieren und voran zu bringen. Ich plädiere stark dafür, dass die aktive Teilnahme an dieser Föderation stärker innerhalb der linken Bewegung diskutiert wird. In aller Kürze möchte ich argumentieren warum:

    * die FAU hilft effektiv in Arbeitskämpfen und Behördenauseinandersetzungen und ersetzt bei den Betroffenen dadurch Ohnmachtsgefühle durch Erfahrungen von Solidarität und der Mächtigkeit libertärer Strukturen

    * Arbeitskämpfe erfahren wesentlich mehr Medienpräsenz als viele andere Aktionsfelder, sie bieten außerdem Steilvorlagen um über Ungerechtigkeit des Kaptialismus und die Verknüpfung globaler Ausbeutung auch in bürgerlichen Medien aufzuklären

    * Angriffe auf Lohnarbeiter_innen finden meist über Ländergrenzen und oft Kontinente hinweg statt, im Kampf dagegen machen Lohnarbeiter_innen konkrete Erfahrungen mit migrantischen Kolleg_innen und Belegschaften in anderen Ländern was die Empfänglichkeit für Rassismus und Nationalismus empfindlich beschädigt

    * der Plan zur Umsetzung einer libertäreren Gesellschaft von Seiten der FAU und ihrer Schwesternorganisationen ist konkret, verständlich und ein Ziel auf das sehr bewusst hingearbeitet werden kann, dass macht ihn wesentlich attraktiver als viele andere linke Utopien

    * mit der Organisation entlang der wirtschaftlichen Institutionen in die wir involviert sind (Schule, Uni, Arbeitsplätze, Selbstständigkeit, Jobcenter) organisieren wir uns dort wo wir akkut sabotieren und Druck machen können und gleichzeitig haben wir ggf. Zugriff auf Betriebsmittel (Räume, Fahrzeuge, Produkte) die uns bei unseren sonstigen Aktionen weiterhelfen können

    * in diesen Institutionen muss es dabei nicht bei rein gewerkschaftlichen Kämpfen bleiben sondern kann genau so gut um den Anteil veganer Produkte, antirasissistische und feministische Standards und vieles mehr gehen

    * aus der bundes- und weltweiten Struktur ergibt sich dabei, dass wir mehr Geld, mehr zuverlässige Informationskanäle und mehr Verlass bei globalen Aktionstagen haben, als dies Netzwerke oder Bündnisse unabhängig von reformistischen Akteuren leisten können. Als Organisation sind wir zudem auch verbindlicher und langlebiger

    * durch unseren Ansatz der konkreten wirtschaftlichen Hilfe werden wir für viele Menschen zur Option die sonst Hemmungen vor dem Kontakt mit linken oder gar libertären Organisationen hätten. Am Anfang steht eben nicht der moralische Zeigefinger und die Subkultur sondern das Angebot konkreter Solidarität und ein Vertrauensverhältnis als Kolleg_innen über untschiedlichste Milleaus hinweg

    Leider muss unsere Wirkmächtigkeit jedoch begrenzt bleiben, so lange sich viele Kolleg_innen die eigentlich ebenfalls eine libertäre Gesellschaft wollen, nicht zur Solidarität in der FAU durchringen können. Oft bleibt das Gefühl, dass einerseits alle das Rad neu erfinden wollen und dass andererseits niemand wirklich seine_ihre konrete Situation meint, wenn er oder sie vom Kampf gegen die Ausnutzung wirtschaftlicher Ängste und dem Kampf gegen den Kapitalismus redet.

    Ich kann nur alle hier bitten, egal wo ihr euch auch sonst engagiert, überlegt euch eine Mitgliedschaft in der FAU. Helft uns, damit wir zusammen die wirtschaftlichen Ängste der Leute ganz praktisch beheben und wirklich gesellschaftsfähige Alternativen erarbeiten und aufbauen können!

    • Euer Reduktionismus beispielsweise in der FAU ist ein typisches Beispiel, wie sich das Problem zur Lösung erklärt.
      Kapitalismus beruht auf GLAUBE:
      Glaube kann nicht durch Glauben bekämpft werden.

      Gruß

      • Ich finde ihr habt beide Recht. 🙂
        Halte die FAU für eine wichtige Organisation, aber eben nur eine von vielen. Wir müssen auf allen Ebenen, mit allen uns zur Verfügung stehenden Waffen kämpfen, wenn wir diesen Kampf noch gewinnen wollen. Echte Gewerkschaften, vor allem basisorientierte, leisten großartige Arbeit, aber sie sind nicht für jeden gleich wichtig und sie behandeln nicht alle Themen, für die wir uns einsetzen sollten.
        Gerade deshalb ist ein solidarisch-kritischer Diskurs über alle unsere Strategien, Organisationen und Wege des Protests & Widerstands so wichtig. Denn nur wenn wir alle unsere verschiedenen Stärken kennen und uns aufeinander beziehen können, haben wir eine Chance, denke ich.

      • @ Viktoria, irgendwie check ich es nicht wie ich unter deinem Kommentar antworten kann, meine Antwort bezieht sich aber durch aus auf euch beide.

        Ich finde den hingeschmetterten Reduktionismusvorwurf wenig konstruktiv, weil nicht erklärt. Grundsätzlich ist Anarchosyndikalismus v.a. dadurch von anderen Formen des Anarchismus zu unterscheiden, dass er auf weltweite, verbindliche Strukturen setzt, dass er gegen Missstände Mittel der direkten Aktion im Gegenteil zu symbolischem Protest oder Stellvertretung propagiert und das er eben auf die Selbstorganisation von Betroffenen setzt, im institutionellen Rahmen in dem sich die Betroffenen bewegen und gleichzeitig in dem Rahmen den mensch selbst aufbaut und der für eine libertäre Gesellschaft als geeignet erscheint.

        Mitnichten möchte ich sagen, alle anderen Organisationen und Konzepte außerhalb anarchosyndikalistischer Organisationen seien sinnlos. Was ich sagen will ist, dass Organisationen wie die FAU viel schlagfähiger sein können als manch anderes Konzept das diskutiert wird, wenn sich mehr Anarchist_innen und Linksradikale zum Beitritt durchringen könnten.

        Ich sehe auch ehrlich gesagt nicht, dass es viele Themen gebe, die in der FAU nicht bearbeitbar wären – und dass sogar besser als in einer Kleingruppe oder einem Bündnis.

        Ein paar kurze illustrierende Beispiele: Unsere Gewerkschaftskolleg_innen genießen in unserem lokalen betrieblichen Millieu (Gastro) eine gewisse Bekanntheit und Vertrauen in unsere Gewerkschaftsarbeit, weit über unsere eigentliche Mitgliedszahl hinaus. Als der Pegida-Shitstorm losging, haben wir uns als Gewerkschaft deutlich positioniert und uns gegen die Toleranz gegenüber Pegida-Teilnehmer_innen und Rassismus in unseren Betrieben gestellt. Es gab Sticker mit Statements wie „Türsteher_innen gegen Pegida“ für Türen und Kleidung, Pressemitteilungen und Infotexte an die Kolleg_innen. Damit konnten wir eine gute Anzah Läden pegida-frei halten. Das geschsah unter anderem, weil wir bei unseren Kolleg_innen ein Standing haben, dass es uns erlaubt mit ihnen auch in Ruhe Probleme wie Rassismus, Nationalismus und Vertreibung zu diskutieren. Ohne dieses Vertrauensverhältnis und den direkten persönliche Bezug, z.B. als Antifa-Gruppe „von außen“ wären wir wohl auf taube Ohren gestoßen. So konnten wir sogar Kolleg_innen die vorher nie auf Demos waren dazu bewegen sich Pegida in den Weg zu stellen.

        Beispiel Feminismus: Über Feminismus wird viel gesprochen, den einzelnen Betroffenen in ihrer wirtschaftlichen Lage als geringer bezahlte, doppelt belastete Frau, als Frau die nicht an männlich-dominierte, bessere Stellen kommt oder als indirekt Lohnabhängige Hausarbeiter_in nützt das wenig. Was hier nützt sind syndikalistische Konzepte wie sie seit den 20ern auf genug Hände warten, die sich ihrer annehmen. Z.B. Einküchenhäuser, nachbarschaftliche Haushaltshilfen- und Kinderbetreuungsnetzwerke, Soli-Kassen für indirekt Lohnabhängige etc. Natürlich lässt sich nicht verschweigen, dass es auch Kampagnen braucht für Probleme wie Gender-Pay-Gap in der Rente etc. Jedoch lassen sich auch diese leichter aus bundesweiten oder internationalen syndikalistischen Frauenorganisationen wie dem „Syndikalistischen Frauenbund“ in den 20ern durchsetzen als mit losen Aktionstagen und Bündnissen. Es braucht dabei kontinuierliche Arbeit und den Aufbau langlebiger Selbstorganisation.

        Mieten und Wohnen: Auch das Miethäusersyndikat ist z.B, eine syndikalistische Organisation, nur ist sie nicht (und will es auch nicht sein) für den überwältigenden Teil der Betroffenen Menschen da, die Probleme mit ihrer Existenz als Mieter haben. Auch hier gibt es schon viele gute Konzepte wie Haus- und Wohnungsbesetzungen, Kampagnen gegen Zwangsräumungen etc.. Spanien lehrt uns aber auch um ein wievielfaches diese Kämpfe leichter und erfolgreicher werden, wenn sie von anarchosyndikalistische Gewerkschaften geführt werden.

        Es ließen sich noch diverse Beispiele wie Ökologie, Veganismus etc. anführen. Fest steht doch, natürlich kann mensch das ein oder andere sicher auch z.B. mit Parteien o.ä. erreichen. Wenn einem aber entschlossene Lobby und starke wirtschaftliche Interessen entgegen stehen, dann werden die Parteien bestochen, erpresst oder Schmutzkampagnen inszeniert. Um Druck zu machen muss sich in den Köpfen der Leute was ändern und sie müssen lernen sich aktiv widerspenstig zu verhalten. Das lernen sie anarchosyndikalistischen Organisationen, weil diese eigene Meinungsbildung, verbindliches Arbeiten und gegenseitige Kritik beinhalten. Und sie lernen die einzigen Machthaben zu benutzen die sie haben. Eine Demo- und Protestbewegung kann ignoriert, sabotiert und gespalten werden, egal von wieviel Menschen sie getragen wird. Ihr einziges hartes Druckmittel, wenn es zur Sache geht, ist noch die nackte Gewalt. Nicht nur dass mensch dabei als Bevölkerung meist den kürzeren zieht, mensch lässt sich auf ein Spiel ein in dem mensch nicht 100% moralisch/emanzipatorisch bleiben kann. Dieser weg stellt aus emanzipatorischer Sicht deswegen höchstens eine Notfall- und keine anzustrebende Option da. Mit der Organisation als Konsument_innen und Produzent_innen organsisiert mensch sich dagegen dort wo unsere Machtmittel liegen, am Profit und den Steuern von Staat und Wirtschaft. Entziehen wir unsere Arbeits- und Kaufkraft machen wir die Institutionen die uns Unterdrücken wirklich handlungsunfähig.

        Es ist ein Fehler zu denken, die FAU kümmert sich nur um Lohn und Kündigungsschutz. Richtig ist, dass die FAU informiert sein will, wie es in der Lebenssituation ihrer Mitglieder aussieht und mensch sich wünscht, dass Leute z.B. eine Kampagne in ihrer Branche unterstützt, dass mensch als Erwerbslose_r mit anderen in der selben Situation solidarisch ist etc. Wenn aber drei, vier Leute (so ist es zumindest in unserem Syndikat) eintreten und sagen sie wollen eine Antifa- oder Feminismus-AG gründen oder wie in Berlin eine Foreigner-Section, dann werden sich Syndikat über diese thematische Bereicherung wohl freuen.

        LG, w.m.

  7. Reißerisch und polemisch, populistisch das ist CSU-Söder, mir ein Gräuel, aber das Publikum applaudiert ihm, weil er in Worten, die jeder versteht, die Unwahrheit so glaubhaft rüberbringt für viele, dass sie ihm blind abnehmen, was der da kaut. Auf der einen Seite finde ich das zum Kotzen, auf der anderen frage ich mich: Ist es nicht besser, vom Feind zu lernen, die Leute zu begeistern und sie dazu bringen, uns zu wählen, wie er es eben verstanden hat und dafür eine Politik zu bekommen, die wirklich in seinem Sinne ist? Was wir tun müssen, ist, dafür zu sorgen, dass unsere Politiker sich wirklich absolut korrekt im Sinne des Volkes einsetzen und nicht den Oligarchen hörig sind.

    • Ich habe den Artikel eigentlich hauptsächlich deshalb so überspitzt geschrieben, damit er provoziert & im Netz viral wird. Denn nur wenn wir eine breite Debatte anstoßen, können wir Veränderungen erzielen, denke ich.
      Ich glaube, dass wir am Anfang schon darauf setzen müssen, Strategien unserer Gegner*Innen zu kopieren. Doch langfristig kann das nicht das Ziel sein. Viel eher müssen wir versuchen, Menschen dazu zu bringen, sich selbst zu organisieren. In Spanien hatten die linken Parteien und Wahlbündnisse deshalb so viel Erfolg, weil so viele Menschen an der Basis mitgearbeitet haben. Die Politik wird dadurch demokratischer und Menschen fangen an, daran zu glauben, dass sie etwas verändern können. Und wenn wir das erreichen, dann können sich die Politiker*Innen nur noch absolut korrekt im Sinne des Volkes einsetzen, weil sie ansonsten sofort raus sind. 😉

    • Wahlen sind ein aristokratisches und kein demokratisches Mittel. Königswahlen.

      Es ist der typische Denkfehler, dem auch Rousseau unterlag:
      Das Recht des Stärkeren ist darauf begründet, daß dem Sieger das Recht zugestanden wird, allgemeingültiges Recht durch Gesetze zu machen und niemals die Verlierer, die Schwachen.

      Freiheitsrechte sind ein Widerspruch in sich.

      Eine Wahl ist nur eine formelle Angelegenheit, die keine bzw. nur willkürliche Inhalte erzeugt.
      Condorcet/Arrows
      http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/alpha-campus/campus-talks-nida-ruemelin-demokratie-100.html
      Der Beschreibung von Nida-Rümelin stimme ich zu, seiner Folgerung nicht, denn diese steht im Widerspruch seines Vortrages.
      Wahlen sind nur ein Ritual oder mit anderen Worten
      Für Regen ist ein Regentanz nicht eforderlich.

      Gruß

      • Ich sehe die gewonnenen Wahlen in Spanien auch nur als ersten Schritt. In Barcelona will Ada Colau den Stadtteil-Versammlungen demokratisch legitimierte Macht zusprechen. Das heißt, die Politik die den Stadtteil betrifft, wird im Stadtteil gemacht. ☺

    • Wer wecken will benötigt zunächst eine stimmige nachvollziehbare Argumentation, ansonsten ist er nicht anderst, als die, die er zu bekämpfen vorgibt.
      Laut sein wird eher als Störung empfunden und schreckt ab.

      Gruß

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