„Stress pur!“ oder auch „Auswandern ist kein Zuckerschlecken!“


Höchste Zeit mich mal wieder zu melden!

Nachdem ich nun einigen Interessierten diese Adresse hier verraten habe, also Menschen, denen ich ständig im echten Leben begegne, drängt es mich umso mehr, hier mal wieder ein wenig zu berichten, was sich bei uns in den letzten Wochen so getan hat. Zeitlich liegen wir gerade im absoluten Endspurt, was unsere Feuerprobe angeht, deshalb gab es auch so lange kein Lebenszeichen von mir. In genau einem Monat sitzen wir schon auf unserer Terrasse in unserem Häuschen auf Teneriffa und genießen den Ganzjahressommer der Kanaren, während es hier in Kaltland immer deutscher wird.

Es ist nicht nur der Winter, dem wir entfliehen, sondern auch die soziale Kälte, die hierzulande immer weiter zunimmt. Mit großer Sorge beobachten wir zur Zeit die Weltpolitik und vor allem den ausufernden Rassismus in Deutschland und fragen uns, ob es Europa, wie wir es kennen, in einigen Jahren noch so geben wird. Nicht zuletzt wegen den erschreckenden Bildern an den Grenzen von Europa haben wir uns dazu entschieden, vor unserem „Auswandern auf Probe“ noch einen Hilfstransport an die EU-Grenzen zu organisieren. Doch der Reihe nach…

Das Haus in Bocacangrejo, einem wunderschönen kleinen Ort direkt am Meer auf der nordöstlichen Seite von Teneriffa hat 70 Quadratmeter, zwei Etagen, zwei Balkone, an einen von ihnen eine angrenzende überdachte Terrasse, zwei Schlafzimmer, Wohnküche, Wohnzimmer, Abstellkammer und Badezimmer für 400 Euro warm im Monat. Es liegt in erster Reihe am Meer. Ich werde jeden Morgen aus der Haustür über eine kleine Treppe an die Klippen gehen und über eine Leiter ins Meer steigen. Noch vor dem Frühstück!

René macht ein Tänzchen in unserem Schlafzimmer.
René macht ein Tänzchen in unserem Schlafzimmer.

 

Die bunte Wendeltreppe führt vom Erdgeschoss in die erste Etage.
Die bunte Wendeltreppe führt vom Erdgeschoss in die erste Etage.

 

Unsere Küche
Unsere Küche

 

Die überdachte Terrasse in der ersten Etage grenzt an den oberen Balkon an.
Die überdachte Terrasse in der ersten Etage grenzt an den oberen Balkon an.

 

Grill auf dem oberen Balkon, inklusive Spüle.
Grill auf dem oberen Balkon, inklusive Spüle.

Bocacangrejo ist ein 400-Häuser-Dorf, in dem es keine Straßennamen, sondern nur Hausnummern gibt. Straßen im eigentlichen Sinne gibt es auch kaum, am meisten bewegt man sich zwischen Klippen und Häusern hin und her, manchmal nur mit einem Seil gesichert, welches dich davor bewahrt ins Wasser zu fallen. Zu viel saufen is nich! 😉

René vor unserem Hauseingang
René vor unserem Hauseingang

 

Bocacangrejo ist ein bezaubernder kleiner Fischerort.
Bocacangrejo ist ein bezaubernder kleiner Fischerort.

 

Das ist ein Teil der Straße, der sehr gut gesichert ist.
Das ist ein Teil der Straße, der sehr gut gesichert ist.

 

Man braucht schon gute Nerven und muss trittsicher sein, um hier wohnen zu können.
Man braucht schon gute Nerven und muss trittsicher sein, um hier wohnen zu können.

Ab dem 10.11. läuft der Mietvertrag, erst einmal für ein Jahr. Nach den drei Monaten werden wir zurückkommen und noch mal für ein Jahr in Deutschland bleiben. Warum das so ist, dazu an anderer Stelle mehr. Es sei nur so viel gesagt, es passt für uns beide jobtechnisch gerade hier ganz gut.

Nun gibt es da so einiges vorzubereiten, wenn man auf Probe drei Monate auswandert und das ist leider nicht bloß die Liste mit allen Kleidungsstücken, die man unbedingt mitnehmen will. Da wäre zunächst einmal die Sache mit der Sprache. Wie ich ja bereits in meinem vorherigen Artikel beschrieben habe, bringe ich mir selbst Spanisch bei, mit Hilfe des Internets. Das klappt theoretisch auch ganz gut, aber aktuell habe ich zwei Probleme diesbezüglich. Erstens fehlt es mir gerade akut und an allen Ecken und Enden an Zeit und zweitens fehlt mir bei aller Theorie vor allem die tägliche Praxis. Nun kenne ich zwar einige Wuppertaler, die Spanisch sprechen, doch wenn man nicht dazu gezwungen wird und im Alltagsstress voll eingebunden ist, klappt das auch nur so semigut und beschränkt sich meistens auf kurze Floskeln, die ich inzwischen perfekt beherrsche. 😉
Naja, ich will nicht klagen, denn ich verstehe inzwischen schon ziemlich viel. Ich höre jeden Tag spanisches Radio auf dem Weg zur Arbeit und zu Hause läuft permanent spanisches Fernsehen oder spanische Youtube-Filme. Ab und an schaffe ich es sogar mir ein paar Minuten irgendwo zu klauen, um auch wieder ein paar neue Vokabeln mit meinen Apps zu trainieren. Ich habe vor ein paar Wochen einige neue Apps gefunden, von denen eine sogar die Grammatik behandelt. Aber mit denen werde ich mich wohl erst intensiver beschäftigen können, wenn ich endlich auf meiner Insel bin und mein Leben gründlich entschleunige. Zur Zeit hat es nämlich mehr Speed als ein Düsenjet und das stresst mich ganz ungemein, weswegen ich mehr „Zigaretten“ rauche, als gut für mich ist. ADHS, gepaart mit einem übervollen Terminkalender ist ja nur mit Heilkräutern auszuhalten, finde ich. Mein Projekt „Café Stil Bruch“ läuft endlich wieder etwas besser, was auch daran liegt, dass ich mindestens fünf Tage die Woche da bin. Die anderen zwei Tage der Woche sind für’s Café Ada reserviert, ab und an gönne ich mir auch mal einen „Freien Tag“, den ich dann dazu benutze, liegengebliebenes wie Haushalt, Einkauf, Wäsche, Kater, Behörden, etc. zu erledigen. Naja, und dann kommen eben gerade noch die Reisevorbereitungen dazu. Aktuell sind wir beim Thema Kater. Denn drei Monate trenne ich mich auf keinen Fall von dem Mann, der mich schon seit 11 Jahren freiwillig begleitet. Das war auch meinem Mann René von Anfang an klar und ehrlicherweise gibt er zu, dass er es so lange ohne Seine Hoheit auch nicht aushalten würde. Ja, ihr habt richtig gelesen. Wir sind Anarchisten, durch und durch, aber zu Hause ist der Kater der Chef. Das geben wir alle unumwunden zu, denn wir wissen, dass es zu unserem Besten ist.

Seine Hoheit ist auch der Grund, warum René einen Tag früher fliegt als ich. Er übernachtet im Hostel Los Amigos, in dem wir in unserem vorletzten Teneriffa-Urlaub gewohnt haben und unterschreibt morgens am 10.11. den Mietvertrag. Nachmittags holt er Luca und mich mit dem Mietwagen vom Flughafen ab, damit Seine Hoheit nicht länger als unbedingt nötig in der Transportbox stecken muss. Ja, wir sind gute Untergebene.

Wenn eine Katze reisen will, ist die EU inzwischen genauso meschugge, wie sie es bei reisenden Menschen ist. Luca braucht für Flug und Einreise folgende Dinge:

  1. Impfung gegen Tollwut (noch irgendwie logisch)
  2. passende Transportbox (die Geschichte werdet ihr nicht glauben!)
  3. Microchip (Hmpf!!!)
  4. EU-Heimtierpass mit fälschungssicheren Laminierungen und sehr wichtigen Unterschriften von Tierärzten
  5. Ein Frauchen, was Nerven wie Drahtseile hat (Gott sei Dank kein Problem!)

„Die passende Transportbox“ – Oder auch „Tierunfreundlich, teuer, aber leider das einzige Modell, was von den Fluggesellschaften zugelassen wird“

werde ich in einigen Tagen veröffentlichen. Ihr dürft gespannt sein!

Erfreulicherweise sind Tierärzte darauf geschult, auch nach möglichen anderen Krankheiten zu schauen. Bei Seiner Hoheit fand unsere Tierärztin unerfreulicherweise Flöhe und Bandwürmer. Ziemlich logisch, er ist Freigänger und bei uns in der Nachbarschaft wohnen einige Streuner in leeren Häusern, Kellern, usw..

Was das für uns im Einzelnen bedeutete, wurde mir erst klar, während ich den nach Scheisse stinkenden Kater in der im wahrsten Sinne des Wortes beschissenen Transportbox mit dem Bus Richtung Heimat beförderte. Ja, Seine Hoheit war so entrüstet über den Tierartztbesuch, dass er noch im Wartezimmer, während ich den Anmeldezettel ausfüllte, in die 6o Euro teure Transporttasche kackte, teils flüssig, wahrscheinlich wegen der Aufregung. Während ich mich im Bus also bemühte Kater Luca zu erklären, dass er in wenigen Minuten bereits wieder in den Garten könnte und gleichzeitig den Drang bekämpfte, mich quer durch den Bus zu übergeben (Katzenscheiße, vor allem leicht flüssige, riecht wirklich extrem streng.) rechnete ich mir aus, was Flöhe für unser knappes Zeitmanagement im Alltag bedeuteten. Jedes Textilstück, mit dem Luca in Berührung gekommen ist, muss gewaschen werden. Die Wohnung muss GRÜNDLICHST gesaugt werden. Gut, dass unsere Nachbarn einen so leistungstarken Staubsauger haben, wir Ökos fegen und wischen immer nur. Okay, eigentlich waren wir nur zu faul und zu geizig einen neuen Staubsauger zu kaufen, als der alte seinen Geist aufgegeben hat. Wie dem auch sei, es muss halt alles in der Wohnung entfloht werden. Wir haben in unserem Schlafzimmer und Badezimmer nur offene Regale. Seine Hoheit schläft besonders gern in frischer Wäsche,

Seine Hoheit auf einem seiner vielen Lieblingsplätze.
Seine Hoheit auf einem seiner vielen Lieblingsplätze.

man kann sich ungefähr ausrechnen wie viel Wäsche da in einem Zwei-Personen-Ein-Kater-Haushalt zusammenkommt. Ich drücke es aber auch gern noch mal bildlich für euch aus: ES SIND BERGE!

Und jetzt haltet euch fest! Heute hat unsere uralte, aber eigentlich sehr fitte Secondhand-Waschmaschine den Geist aufgegeben. Wenn sie läuft, riecht es nach verbranntem Plastik und aus der Klappe fürs Waschmittel kommt sehr heißer Dampf. Ich glaube, sie liegt im Sterben. Reanimation hat wenig Sinn, da sie auch nur 40 Euro gekostet hat. Doch sie hätte sich wohl kaum einen schlechteren Zeitpunkt ausdenken können, sich aus dem Diesseits zu verabschieden. Für dieses Problem habe ich bisher noch keine adäquate Lösung gefunden. Am Montag geht’s erst mal zur Diakonie; mein Lieblings-Secondhand-Kaufhaus in Wuppertal Elberfeld und dem Himmel sei Dank nur 500 Meter von unserer Wohnung entfernt. Hoffen wir, dass wir dort fündig werden und sich die Wäscheberge im Hausflug schnell verkleinern. An dieser Stelle will ich allen meinen Mitbewohnern im Haus noch mal Danke sagen. Ihr seid die Besten! Ohne euch wären viele Dinge für uns nicht möglich. Ihr seid jederzeit herzlich willkommen in unserem Häuschen in Bocacangrejo. Doch kehren wir zurück zum Flohproblem.

Die Wohnung ist inzwischen sozusagen steril, für uns ein eher ungewöhnlicher Zustand. Putzen ist gelegentlich nötig, aber sollte keinesfalls zum Hobby oder gar zur Besessenheit ausarten. Seine Hoheit hat den größten Teil der letzten zwei Tage, in denen das Mittel wirken soll, draußen verbracht. Es gibt einen Silberstreif der Hoffnung am Horizont, dass, wenn wir die Putzaktion in drei Wochen wiederholen, drei Monate auf Teneriffa sind und Luca dort weiter mit Anti-Floh-Mittel behandeln, wir die Biester loswerden. Sie überleben nämlich ohne Nahrung nur maximal zwei Monate. Wer jetzt kalendarisch ein bisschen fit ist und gut aufgepasst hat, kann sich ausrechnen, was in dem verbleibenden einen Monat noch ansteht, für uns. Ehrlich, ich fühle mich mehr und mehr wie ein Roboter, der ganz stumpf vor sich hin funktioniert, ohne auch nur die geringsten Ermüdungserscheinungen. Okay, das ist jetzt vielleicht ein klitzekleines bisschen gelogen. Ich mobilisiere gerade meine letzten Kräfte und gehe mal wieder sehr hart an meine Grenzen der Belastbarkeit, aber hey, erstens man lebt nur einmal und zweitens sind drei Monate auf dieser Insel es absolut wert.

Für den täglichen Bedarf kann man mir übrigens auch hier folgen: Twitter!

Ansonsten schwöre ich bei allem was mir heilig ist, dass ich mich noch mal melde, bevor wir fliegen, bzw. bevor wir mit unserem Hilfskonvoi (über den ihr hier mehr lesen könnt) Richtung EU-Grenzen aufbrechen.

See you soon…

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2 Gedanken zu “„Stress pur!“ oder auch „Auswandern ist kein Zuckerschlecken!“

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