#Anarchismus in #Deutschland im Jahr 2017 – Wir leben die #Anarchie


In den vergangenen Tagen habe ich die allermeiste Zeit vor dem Laptop verbracht und mit euch kommuniziert. Auf Twitter, Facebook, Google+ und im virtuellen Stammtisch gab es zahlreiche Reaktionen und noch mehr Fragen auf meine Artikel „Wie werde ich Anarchist? – Anarchie und Anarchismus leicht gemacht“ und „Nicht labern, machen! Endlich die ultimative Definition von Anarchismus“

Doch zunächst ein wenig Aufmerksamkeit für all die destruktiven Heuler, die aus ihren Löchern kriechen, wann immer Menschen etwas in die Hand nehmen und organisieren wollen. Ihr reproduziert kapitalistische Verhältnisse, auch wenn ihr euch darüber nicht im Klaren seid. Doch was ihr vor allem tut, und deswegen widme ich euch auch jetzt diese Aufmerksamkeit, die ihr eigentlich gar nicht verdient habt, ihr unterstützt meine Arbeit. Zur Erklärung: Destruktive Heuler sind für mich Menschen, die sich als links definieren, aber nicht darüber hinauskommen, aufzuzeigen, was alles schlecht ist. Sie reproduzieren also das klassische Konkurrenzverhalten, auf welchem der Kapitalismus aufgebaut ist. Sie fühlen sich stark und überlegen, wenn sie aufzeigen, wer Fehler macht. Das Aufzeigen von Dingen, die schief laufen, ist richtig und wichtig. Nur sollte ein linker Ansatz in meinen Augen das anschließende Aufzeigen von alternativen Lösungsansätzen und Verbesserungsvorschlägen enthalten. Denn sonst ist die Kritik nicht zielführend. Ein guter Freund von mir sagte einmal: „Wer macht, hat Recht!“ Das ist natürlich einerseits deutlich zu kurz gegriffen, andererseits in Bezug auf den Anarchismus wieder nicht. Gehen wir von mir als Beispiel aus: Ich versuche Anarchisten im deutschsprachigen Raum zu erreichen. Würde ich permanent mit meinen Texten und Analysen daneben liegen, würden Anarchisten sich wohl kaum bei mir melden. Das nennt sich Schwarmintelligenz, oder Kollektive Intelligenz und ist der Ursprung der anarchistischen Organisation. Denn der Anarchismus überzeugt nicht durch starkes Auftreten und Macht oder durch schillernde Personen, die ein Allheilmittel predigen, sondern durch das Verstehen von hierarchiefreien Strukturen und dem Wunsch über sich selbst bestimmen zu dürfen. Das kann man erklären, vorleben und verstärken, aber man kann es nicht, wie andere politische Richtungen, den Menschen überstülpen. Sollte ich also in eine Machtposition hineinrutschen, in der ich meine Macht missbrauche, werden Anarchisten sich von mir abwenden, mein Netzwerk wird kleiner und meine Reichweite geringer. Deshalb analysiere ich sehr genau in welche Richtung diese Gesellschaft sich entwickelt, bevor ich einen Text schreibe. Doch alle Argumente, Fakten und Belege prallen an den destruktiven Heulern ab, weil sie nicht mit Fakten arbeiten, sondern mit Emotionen und mit einem Machtanspruch, nämlich „linker“, „anarchistischer“, kurz besser zu sein. Und trotzdem muss ich bei jedem Kommentar und jedem Tweet ein wenig schmunzeln und bedanke mich innerlich. Denn erstens sorgen Kommentare und Antworten dafür, dass mein Beitrag in der Timeline von mehr Menschen auftaucht (Nennt sich Algorithmus!) und zweitens liefern diese Leute Parade-Beispiele dafür, was Anarchismus nicht ist. Denn man sollte nicht unterschätzen, dass wir uns aktuell in einer Phase der Zuspitzung befinden. Für immer mehr Menschen wird der Staat und sein politisches System, der Kapitalismus, immer mehr zum Problem. Das bedeutet, dass sich die Gesellschaft politisiert und radikalisiert, auf beiden Seiten, rechts und links. Gerade junge Menschen sehen sich mit einer dunklen Zukunft konfrontiert, die bestimmt wird von denen, die sie nicht mehr erleben werden. Aufgrund dieser Situation suchen Menschen nach politischen Alternativen und Antworten. Das tun sie auch im Netz und in den Kommentarspalten. Wenn nun also destruktive Heuler sich autoritär in theoretischem Geschwafel auslassen und ich freundlich und sachlich erkläre, warum ihr Verhalten weder anarchistisch noch links ist, sie daraufhin beleidigend oder sogar aggressiv werden, kann das als Organisationsgrundlage und Bildungsbasis für jemanden dienen, der sich gerade politisch zu orientieren versucht. Deshalb, liebe autoritäre, destruktive Heuler: Macht bitte, bitte fleißig so weiter. Ich habe viel Zeit und der Anarchismus hat noch viel mehr Argumente. Denn auch eine sachliche Diskussionskultur bei Facebook ist bereits gelebter Anarchismus. Wir zeigen, wie es besser geht oder besser gehen könnte.

Nachdem wir also wissen, was Anarchismus nicht ist, nämlich das theoretische Geblubber von Menschen, die sich links labeln, aber rechts verhalten, kommen wir endlich zu gelebtem Anarchismus in Deutschland im Jahre 2017:
Die Anarchie wird gern als Utopie beschrieben und das ist auch korrekt. Denn die Anarchie wäre der umgesetzte Anarchismus weltweit. Doch aufgrund von Begriffsumdeutungen in der Geschichte des Anarchismus ist es heutzutage schon ein Erfolg, wenn Menschen wissen, dass Anarchie nicht Chaos und Gewalt bedeutet. Die feineren Unterschiede und Definitionen oder gar konkrete Beispiele für gelebten Anarchismus fallen dabei oft unter den Tisch. Dabei gibt es den Anarchismus überall und permanent. Gelebter Anarchismus ist nichts anderes, als die freiwillige Selbstorganisation von Menschen ohne einen Anführer. Das kann eine nachbarschaftliche Hilfe sein oder eine Kindergarten-Mama-Gruppe, eine Party oder eine Hilfsaktion bei Facebook, wenn im Nettwerk jemand am Ende des Monats etwas zu essen braucht. Wenn wir den Anarchismus als das definieren, was er ist, steckt er überall, ist quasi der Grundbestandteil menschlichen Lebens. Es gibt etwas zu organisieren, man schließt sich thematisch zusammen und verteilt Aufgaben, eigentlich ganz einfach, oder? In dem Zusammenhang möchte ich nochmals auf den Test von arte hinweisen, der jedem beweist, dass er Anarchist ist. 😉

Doch das sind bei weitem nicht die einzigen Beispiele für gelebten Anarchismus. Denn es gibt sogar regelrechte anarchistische Massenphänomene in Deutschland. Ich nenne nun einige Beispiele und erläutere kurz warum ich der Überzeugung bin, dass es sich hier um gelebten Anarchismus handelt.

  • Foodsharing Das Problem: Lebensmittelverschwendung // Die Antwort: dezentrale Strukturen, die in freiwilliger Kooperation Lebensmittel vor dem Müll retten und weiter verteilen // wichtiger anarchistischer Punkt: JEDER kann mitmachen
  • Critical Mass Das Problem: Zu wenig Platz auf den Straßen für Fahrradfahrer // Die Antwort: dezentrale Strukturen, die sich in freiwilliger Kooperation zu bestimmten Gelegenheiten zusammenschließen, Masse erzeugen und so auf die Situation aufmerksam machen // wichtiger anarchistischer Punkt: JEDER kann mitmachen (in Wuppertal gibt es sogar einen kostenlosen Fahrradverleih für die Critical Mass)
  • Givebox Das Problem: Unsere Konsum- und Wegwerfgesellschaft // Die Antwort: dezentrale Strukturen, die in freiwilliger Kooperation Orte schaffen, an denen Menschen Sachen abgeben können, die sie nicht mehr brauchen und andere mitnehmen können, was sie gut finden. // wichtiger anarchistischer Punkt: JEDER kann mitmachen
  • Guerilla Gardening Das Problem: Zu wenig Grün in unseren Städten // Die Antwort: dezentrale Strukturen, die in freiwilliger Kooperation Samen verteilen, wilde Gärten anlegen, Wiesen und Brachland umgraben und bepflanzen und der Natur so ein wenig auf die Sprünge helfen // wichtiger anarchistischer Punkt: JEDER kann mitmachen
  • Urban Gardening die softe Variante des Guerilla Gardenings, also weniger illegale Samenbomben-Aktionen und mehr das erlaubte Anlegen von Gärten im Stadtgebiet, beide Protestformen laufen in Kombination mit nachhaltiger Landwirtschaft, Selbstversorgung und anderen ökologischen Aspekten // wichtiger anarchistischer Punkt: JEDER kann mitmachen
  • Yarn Bombing Das Problem: zu wenig bunte Flächen in unseren Städten // Die Antwort: dezentrale Strukturen, die in freiwilliger Kooperation Laternen, Bäume und andere Dinge mit buntem Strick einhüllen. // wichtiger anarchistischer Punkt: JEDER kann mitmachen
  • Netzwerk Nachbarschaft Das Problem: zu wenig Kontakt zwischen Nachbarn // Die Antwort: dezentrale Strukturen, die in freiwilliger Kooperation online ihre Nachbarn finden können, die ebenfalls an mehr Kontakt zu Nachbarn interessiert sind. // wichtiger anarchistischer Punkt: JEDER kann mitmachen
  • Flüchtlingsinitiativen, von denen es so viele gibt, dass ich sie unmöglich verlinken kann. Das Problem: Menschen brauchen Hilfe // Die Antwort: dezentrale Strukturen, die in freiwilliger Kooperation ihre Ressourcen zur Verfügung stellen, um Menschen hier willkommen zu heißen und dabei zu begleiten, sich hier einzuleben.
  • Legalize it! – Die Cannabis-Bewegung Das Problem: eine auf Verschwörungstheorien aufgebaute Drogenpolitik, die eine Menge Lösungen unserer Probleme blockiert. Die Antwort: dezentrale Strukturen, die in freiwilliger Kooperation zusammen oder alleine Gras rauchen, züchten, kaufen, verkaufen, aber auch über den Rohstoff Hanf und die Nützlichkeit von THC in der Medizin informieren.  // wichtiger anarchistischer Punkt: JEDER kann mitmachen
  • #IchBinHier auf Facebook Das Problem: Hass im Netz // Die Antwort: dezentrale Strukturen verbinden sich zu konkreten gemeinsamen Kommentar-Aktionen, um im Netz eine Gegenkultur zum Hass zu erzeugen 

Ich könnte hier noch ewig so weitermachen, aber ich denke es ist klar, worauf ich hinaus will. Doch es gibt sogar noch andere, temporäre Zonen von politisch gelebtem Anarchismus. Das sind zum Beispiel Protestcamps, wie das aktuell gerade stattfindende Klimacamp von Ende Gelände, aber auch die Occupy-Camps in zahlreichen deutschen Städten in 2011. Ebenfalls als gutes Beispiel dient das Medienzentrum in St Pauli in Hamburg während der Proteste gegen den G20-Gipfel. Ein Bekannter von mir schrieb, dass er von der Atmosphäre und dem anarchistischen Spirit so begeistert gewesen wäre, dass er das Gefühl hätte, die Kommune wäre längst da. Ein anderer Freund von mir berichtete von den Aktionen rund um „Ende Gelände“, dass viele Menschen die gelebte Solidarität als etwas unglaublich tolles empfanden. Das Camp ist teilweise wegen Überfüllung fast geschlossen worden. Menschen, die in der Nähe wohnten, wurden gebeten zu Hause zu übernachten. Gestern Abend, nachdem die größten Aktionen gelaufen waren, reiste überraschenderweise kaum jemand ab. Die meisten jungen Leute blieben im Camp, diskutierten, vernetzten und planten. Sie leben den Anarchismus. Und jeder kann sich jederzeit dazu entscheiden mitzumachen. Anarchie ist für alle da, nicht nur für Anarchisten. Denn sie ist nicht bloß ein politisches System, sondern eine Überzeugung, eine Lebensphilosophie und eine Entscheidung. Eine Entscheidung ein besserer Mensch zu werden und für das Leben aller und den Planeten zu kämpfen. Dafür braucht es keine Fahne, keinen Mitgliedsausweis, keine schwarze Kleidung und keine Vorkenntnisse.

Viva la anarquía! – Viva la vida!

PS: Solidarität mit linksunten.indymedia.org
Unsere Netzwerke könnt ihr kriminalisieren, aber unsere dezentrale Solidarität bekommt ihr niemals klein!

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Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

3 Kommentare zu „#Anarchismus in #Deutschland im Jahr 2017 – Wir leben die #Anarchie“

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