Warum bewegungsorientierte Anarchisten sich mit Google anfreunden sollten


Heute möchte ich, bevor ich in den kommenden Tagen und Wochen mit den Tutorials für die einzelnen Google Apps beginne, erklären, warum ich glaube, dass Google den neuen Bewegungen (in Deutschland) nützlich sein könnte.
Vorab möchte ich jedoch darauf hinweisen, dass es sich in all meinen Beispielen und Formulierungen um Theorien handelt und dass ich ausschließlich über legale Aktionen spreche. Die Gründung einer Gewerkschaft, eine Demonstration oder eine Kundgebung, eine Filmvorführung oder eine Informationsveranstaltung, etc.
Für alle anderen Aktivitäten gilt immer folgendes:
Nichts im Netz, wenn ihr nicht genau wisst wie, nichts in der Nähe von elektronischen Geräten, nichts in geschlossenen Räumen, nichts mit Menschen, denen ihr nicht vertraut! 😉

Zunächst einmal gehen wir davon aus, dass wir ein kommerzielles Netzwerk brauchen, wegen der Niedrigschwelligkeit. Selbst viele Menschen, die sich als politische Aktivisten bezeichnen, haben erschreckend wenig Ahnung von Netzpolitik und Sicherheit im Netz. Wir reden hier also eher von einer Twitter/Facebook-Variante, als von einer Alternative zu systemli oder gnu.social. Wir reden von der spontanen Organisation der Massen, wie sie in Spanien 2011 aufgetreten ist oder auch bei Occupy und Anonymous in Deutschland zu beobachten war, die sich ebenfalls hauptsächlich über Facebook organisierten. Wir reden von einer jungen Generation, die mit dem Internet aufgewachsen ist und es völlig selbstverständlich für alles benutzt, wofür es nützlich sein kann, also auch für Protest. Das Smartphone war und ist die stärkste Waffe der Bewegung in Spanien und sie kann Millionen mobilisieren.

Nun befinden wir uns aber nicht mehr im Jahr 2011, sondern im Jahr 2017 und Twitter geht mit seinem Shadowban gegen linksradikale Aktivisten vor, während Facebook massiv Wahlwerbung für den rechten Rand in seinen Gruppen- und Seitenempfehlungen schaltet. Diese Netzwerke haben für die Organisation von Protest ausgedient. Sie können zur Mobilisierung von „neuen Leuten“, zur Verbreitung von Informationen so lange wie möglich genutzt werden, aber das konkrete Arbeiten innerhalb solcher Plattformen ist bei Twitter sowieso nur begrenzt möglich und bei Facebook schlicht zu gefährlich, zumindest in meinen Augen.

Den kommenden Aufstand der nächsten Jahre vor Augen beschloss ich also einen guten Freund in Düsseldorf zu besuchen, der im Chaosdorf aktiv ist. Nach einem längeren Gespräch darüber, was ich konkret im Netz tun will und mit wem und warum, empfahl er Google.
Google ist sehr niedrigschwellig und verlangt im Grunde zur Teilnahme nichts weiter als eine E-Mail-Adresse und einige weitere Angaben, wie das Geburtsdatum und den Namen, überprüft diese Angaben aber nicht weiter. Grundsätzlich wurde mir in diesem Gespräch klar gemacht, sei der Zugang entscheidend für die Sicherheit und Anonymität im Netz, bzw. meine Handlungen, also was ich von mir preisgebe und was nicht, und nicht die Plattform selbst. Klingt ziemlich logisch in meinen Ohren.

Wer also auf Facebook, Twitter oder YouTube unterwegs ist, kann ohne Probleme auch auf Google unterwegs sein. Google bietet allerdings noch einige weitere Vorteile:
Weil Google eben kein soziales Netzwerk ist, sondern ein Unternehmen mit zahlreichen Dienstleistungen, auch und gerade für große Konzerne, geht es mit den Kundendaten deutlich sensibler um, als z.B. Facebook. Durch die schier unendlichen Mengen an Cloud, die Google jedem in den unterschiedlichen Apps zur Verfügung stellt und da sie theoretisch ermöglichen Gemeinschafts-Accounts anzulegen, in dem man Zugänge an mehrere Personen verteilt, kann auf die Dauer ein dezentrales Netzwerk entstehen, welches sich außerhalb der Kontrolle von Konzernen bewegt, weil es eben nicht öffentlich im Netz steht, sondern nur für diejenigen erreichbar ist, die einen Zugang haben. Eine Zensur wie z.B. Facebook ist hier erst mal nicht so schnell möglich.

Nun kommen wir zum Classroom. Selbst der Kapitalismus hat schon erkannt, dass freiwillige Kooperation bessere Ergebnisse liefert, als Konkurrenz und Druck. Deshalb entwickelte Google den Classroom für Firmen. Die Hierarchien können selbst eingestellt werden und ein gemeinsames Arbeiten, Vernetzen und Organisieren ist dann garantiert, wenn alle sich einbringen. Unternehmen können ihre Angestellten so noch besser ausbeuten, in dem sie ihnen Hierarchiefreiheit vorgaukeln und deshalb von ihnen verlangen auch am freien Wochenende im Classroom mitzuarbeiten. Doch nur weil der Kapitalismus Google dafür verwendet, heißt das nicht, dass wir dieses Tool nicht für uns genau andersherum nutzen können. Denn je mehr Menschen Verantwortung im Classroom übernehmen, umso flacher wird die Hierarchie und umso unübersichtlicher wird es für den Staat, wer hinter welchem Account steckt. Auch hier sei noch mal auf die Nützlichkeit der Gemeinschaftsaccounts verwiesen.
Es können beliebig viele Adressen erstellt werden, von denen Kurse erstellt werden, die in anderen Kursen von anderen Adressen verlinkt werden. Als Beispiel:

Ein Kurs beschäftigt sich mit anarchosyndikalistischen Gewerkschaften in Deutschland. Die FAU Düsseldorf hat einen eigenen Account mit eigenem Classroom, der dort verlinkt ist, oder es sind nur Teile der Düsseldorfer FAU Kurse dort verlinkt. Wenn nun jemand eine FAU in Köln gründen möchte, eröffnet er einen Kurs, verlinkt den im Kurs der Gewerkschaften in Deutschland und wartet, bis jemand den Kurs betritt. Die zwei können dann online oder offline weiter erarbeiten, wie sie eine FAU in Köln aufbauen können. Durch Google+, ein soziales Netzwerk, ähnlich wie Facebook, wäre es dann noch möglich in entsprechenden Gruppen Aufrufe zu posten, um zum Gründungstreffen zu kommen, z.B. Dies kann dann im Namen der einzelnen Teilnehmer passieren, als auch im Namen der FAU Köln, die für diesen Zweck eine eigene Google-Adresse erstellt und somit selbst wieder Kurse anlegen kann, in denen Menschen sich vernetzen, bilden und organisieren können.
Doch Google bietet weit mehr als nur den Classroom. Google Docs ist das Titanpad des Kommerz und es überzeugt. Die Funktionen sind simpel, aber ausreichend und deutlich ausgearbeiteter als auf allen anderen unkommerziellen Pads, auf denen ich bisher unterwegs war. Dort können gemeinsam Texte erstellt und bearbeitet werden oder aber auch veröffentlicht werden. Man kann sogar einstellen, dass der Text kommentiert, aber nicht bearbeitet werden darf.
Google Blogger bietet für jede Adresse direkt seinen eigenen Blog an. Die FAU Köln könnte also über ihren Google Blog genauso Texte publizieren, wie über den Gemeinschaftsaccount der Gewerkschaften in Deutschland oder über einen Privataccount eines einzelnen Mitglieds, als persönliche Stellungnahme. Je nach Kontext und Situation kann man entscheiden ob man mit dem eigenen Namen publiziert oder eher anonym über einen Gemeinschaftsaccount.
Google Hangouts ermöglicht Telefonkonferenzen mit bis zu 150 Teilnehmern. Die FAU Köln könnte also eine NRW-Telefonkonferenz mit anderen FAU Gruppen aus NRW organisieren, um eine gemeinsame, koordinierte Aktion zu besprechen.
Google Duo bietet auch eine Telefonfunktion mit Videokonferenz an. Wenn also die FAU Köln eine Info-Veranstaltung hat, kann sie jemanden von der FAU Düsseldorf live dazu schalten, um Informationen aus Düsseldorf zu bekommen.
YouTube hängt ebenfalls an Google, eine Plattform um Videos zu veröffentlichen, ist natürlich nicht verkehrt. Tutorials, aber auch Videos von Demonstrationen oder Veranstaltungen könnten auch hier über Gemeinschaftsaccounts oder private Accounts hochgeladen werden, je nach Kontext und Situation.
Ähnliches gilt für Google Fotos und Google Drive.
Der Nachrichtendienst Google Allo bietet neben zahlreichen Funktionen auch die Möglichkeit von direkt verschlüsselten Nachrichten. Insgesamt lässt sich bei Google erstaunlich viel für die Privatsphäre tun, wenn man denn gewillt ist, sich damit näher zu beschäftigen.
Abschließend möchte ich euch noch einen weiteren Tipp aus dem Chaosdorf verraten: Auf meine Frage, was man dagegen tun könne, wenn nun doch einmal ein Netzwerk abgeschaltet wird oder der eigene Account gelöscht wird und was dann aus den Kontakten werde, wurde mir empfohlen aus genau diesem Grund das Netzwerk auf so viele Plattformen und Möglichkeiten auszuweiten, wie nur möglich. Im Klartext, je wichtiger der Kontakt mir scheint, umso mehr Möglichkeiten muss ich haben, ihn zu erreichen.
Wer sich für Sicherheit im Netz oder das Internet im Allgemeinen interessiert, sollte mal schauen ob es keine Hackergruppe in seiner Stadt gibt. Oftmals stammt der Freifunk von jungen Leuten, die das gemeinsam organisiert haben und vielfach treffen sich diese Leute auch regelmäßig öffentlich und freuen sich über neue Leute und Interesse. Oder wer ein wenig menschenscheu ist: Google ist dein Freund. 😉 Auch und gerade im Netz bekommt man sehr leicht Kontakt mit Netzaktivisten, die sich über Nachfragen und Interesse natürlich auch freuen, sonst würden sie den ganzen Kram ja nicht machen.

PS: Es macht immer Sinn, sich zusätzlich noch mit unkommerziellen Netzwerken auseinander zu setzen, denn der Moment, in dem Google für uns nicht mehr so zur Verfügung steht, wird kommen.

PPS:
Ja, ich weiß, dass Google auch eine Datenkrake ist und ein großer, böser Konzern. Dieses Argument lasse ich aber nur von demjenigen gelten, der mir eine so niedrigschwellige Plattform mit diesen Möglichkeiten zeigt, die nicht in der Hand von einem Konzern ist.
Alles andere ist nämlich bloß destruktive Heulerei und bringt uns keinen Schritt weiter.

Herzlichst,

eure Vicky

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Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

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