Was passiert in #Katalonien? – Wir berichten live


Ich sitze im Flieger nach Barcelona und nutze die zwei Stunden, um einen kleinen Text darüber zu verfassen, was in Katalonien eigentlich wirklich passiert.

In 2011 kam in Spanien mit 15M die Basisdemokratie in Massen auf die Straße. Millionen beteiligten sich an Demos, aber vor allem an Asambleas (Vollversammlungen), die nach dem anarchistischen Prinzip der Räterepublik organisiert wurden, für jeden Stadtteil und jedes Thema eine.

Aus diesen Asambleas entwickelten sich im Laufe der Zeit viele Graswurzelbewegungen und Netzwerke, von denen sich viele in der CUP-Partei vereinigten. Diese wiederum drückte die Politik, gemeinsam mit den Strukturen auf der Straße, nach links.

  • Keine Gummigeschosse mehr gegen Demonstranten

  • Allgemein weniger brutale Vorgehensweise der katalanischen Bereitschaftspolizei

  • Das Recht auf Wohnen sollte gestärkt werden

  • Es sollten mehr Flüchtlinge aufgenommen werden

  • Soziale Politik im allgemeinen, also mehr Geld für soziale Einrichtungen, für Bildung, öffentlichen Raum, Kunst und Kultur

  • Und noch viel mehr

Aufgrund meiner politischen Pause bin auch ich nur schlecht informiert über die aktuelle Situation in Katalonien. Ich baue mir mein Netzwerk gerade erst wieder auf. Doch trotz allem reicht es, um zu verstehen, dass dort gerade eine basisdemokratische, linke Revolution läuft. Ob das “deutschen Anarchos” denen Nationalismus und Fahnen suspekt sind, gefällt, oder nicht.

Der katalanische Nationalismus ist, wie der kurdische, nicht ethnisch. Das bedeutet, es werden Räume geschaffen, in denen alle mitwirken können und diese Räume werden nach außen gegen den aggressiv agierenden Kapitalismus, und dem damit verbundenen Faschismus, verteidigt.

So machen es die Menschen in Rojava, in Chiapas und anderen Teilen von Mexiko und nun eben in Katalonien.

Ja, man kann kritisieren, dass sich an die Unabhängigkeitsbewegung auch rechte Politiker ran gehängt haben. Aber Ist das nicht inmer so im Kapitalismus?

Und wo genau steht, dass ich mich mit Puidgemot solidarisiere, wenn ich die basisdemokratischen Strukturen in Barcelona unterstütze?

Viele “Linke” sind zu Recht erschrocken, über diese, wie aus dem Nichts auftauchende Revolte in Spanien. Erschrocken sollten wir aber vor allem darüber sein, dass wir so schlecht gebildet und noch schlechter vernetzt sind, dass wir eine anarchistische Revolte nicht mal erkennen, wenn sie mitten in Europa abläuft.

Die Erklärung ist ebenso simpel wie schockierend:

Wir alle funktionieren nach dem kapitalistischen Wertemodell. Das bedeutet auch, dass wir für alles Labels brauchen, weil unser Verstand nicht mehr in der Lage ist zu erkennen, was eigentlich was ist. Anarchisten können eben nur diejenigen sein, die sich auch selbst als solche bezeichnen, oder?

Doch genau das ist es, was die Generation der Unregierbaren nicht mehr tut. Stattdessen arbeiten diese Menschen weltweit, aber auch in Katalonien, themenbezogen. Das bedeutet ihre Strukturen funktionieren komplett anders als die der klassischen linken Gruppen.

Und ihre Sprache, ihre Methoden, ihre Ansätze sind häufig nur für diejenigen als Anarchismus erkennbar, die verstanden haben, wie Anarchismus eigentlich im 21. Jahrhundert funktionieren könnte.

In Katalonien hat der Anarchismus zudem eine lange, starke Tradition. Der Widerstandskampf gegen Franco, so scheint es heute, geht in Katalonien weiter, wenn auch nun gegen seine Nachfolger.

Ein weiterer Punkt, weswegen ich diese Revolte so interessant finde. Sie bringt zutage, was alle Anti-Ds seit Jahren zu vertuschen versuchen:

Der Faschismus ist im Kapitalismus immer latent vorhanden und drängt man zu sehr auf soziale Forderungen und wirkliche Demokratie, wird er sehr schnell, sehr deutlich sichtbar.

Abschließend lässt sich sagen, dass die klassischen Anarchisten gerade in manchen Teilen in Europa von der Gesellschaft links überholt werden. Und wenn man sich mit Jugendkultur beschäftigt, so findet man schnell heraus, dass es genau darum auch geht, beim Jung sein: Dinge anders zu machen, als die Alten.

Man kann die Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien also durchaus doof finden, die Frage ist nur, ob man dann wirklich Anarchist ist, oder ob es nicht viel eher das Label des Revoluzzers ist, welches man gerne trägt.

Hier würde ich dann den autoritären Kommunismus empfehlen. Dort gibt’s den Herrschaftsanspruch gratis mit dabei.

See you in the streets of Barcelona!

¡Viva la república!

¡Viva la anarquía!

PS: Wer uns bei unserer Arbeit unterstützen will, kann sich hier an unseren Kosten für die Reise, sowie auch Kosten für die nächsten Mobilfunkrechnungen und andere Ausgaben, beteiligen.

Wir bedanken uns bei allen, die uns bisher geholfen und unterstützt haben. Gemeinsam sind wir stark! 

Advertisements

Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s