Kampf um #Katalonien – #Rajoy hat sich in #Barcelona verzockt


Gestern habe ich zum ersten Mal in meinem Leben an einer Fascho-Demo teilgenommen. Und ja, es war eine Fascho-Demo. Aus dem ganzen Land wurden Leute gratis nach Barcelona gekarrt, um dort für Rajoy und den spanischen Zentralstaat eine “schweigende Mehrheit” zu bilden.

Dieser Plan ist, genau wie alle anderen, komplett nach hinten losgegangen. Statt die über 800.000 Menschen, die sich am 3.10. beim Generalstreik in Barcelona beteiligten, zu übertreffen, kamen zu Rajoys Einheitsdemo gerade einmal rund 350.000 Menschen, die aus dem ganzen Land anreisten.

Doch die große Eskalation blieb aus, da die Katalanen erneut Köpfchen bewiesen und den spanischen Staat wortwörtlich ins Leere laufen ließen.

Während der gesamten 11 Stunden, die wir gestern unterwegs waren, habe ich zwei Leute zweifelsfrei als “Antifa” identifizieren können. Der Rest der linken Szene hatte sich in die eigenen Viertel und Häuser zurückgezogen.

Doch auch die Bürgerlichen, die ursprünglich der Demo mit einer Cacerolada entgegentreten wollten, blieben unsichtbar.

Selbst die Mossos und die Policía Urbana hielten sich permanent in den Nebenstraßen auf und zeigten nur partiell ein wenig Präsenz. Wir beobachteten selbst, wie zwei Wannen mit davor stehenden Mossos von einigen der Demonstranten angepöbelt wurde. Nur fünf Minuten später, standen die Wagen der Mossos ca 50 Meter weiter entfernt von der Demo. Ignoranz statt Eskalation! Selbst größte Gebäude wurden nur minimal abgesichert. Wir gehen von einer großen Menge Zivilbullen und einer hohen Anzahl an Polizisten in Bereitschaft aus, die im Falle eines Falles hätten eingreifen können.

Was ich allerdings immer wieder beobachtet habe, waren gerade ältere Leute, die dokumentierten, was da in ihrer Stadt passiert. Dank ihnen, zahlreichen Journalisten und einigen Aktivisten wurde deutlich, dass gestern in Barcelona eben nicht nur einige, verdummte, neoliberal erzogene Menschen für einen einheitlichen Zentralstaat demonstrierten, sondern eben auch ausgemachte Faschisten jeglicher Couleur. Wer das überprüfen möchte, sucht auf Twitter nach dem Hashtag #AlertaUltra. Wir selbst beobachteten einige verbale Übergriffe und Entgleisungen, Hitlergrüße und andere menschenfeindliche Dinge. Die Policía Nacional wurde für ihren Knüppeleinsatz am 1. Oktober in Katalonien gefeiert. Es gab massenhaft faschistische Gesänge und auch die gesamte Organisation zeigte deutlich auf, wie faschistisch und hierarchisch der spanische Staat inzwischen agiert. Selbstorganisation und Eigenverantwortung wie beim Referendum oder beim Generalstreik? Fehlanzeige! Viel mehr wirkte es so, als wäre der größte Teil der Leute gestern in Barcelona gewesen, weil sie fanden, dass es nun endlich Zeit wäre, dass auch sie mal mit Fahnen durch die Gegend laufen dürften. Größere, politische Stellungnahmen gab es nur von den Anführern und den Faschos. Die wenigen jungen Menschen, die sich gestern an der Demo beteiligten, wirkten eher so, als wären sie auf einer Kirmes oder einem Volksfest. Party, Saufen, Feiern, ein wenig wie bei der Fußball-WM.

Vorbereitete Schilder und Banner, die von den Organisatoren verteilt wurden, zeigten genauso deutlich die hierarchischen Strukturen, wie die An – & Abreise der Demonstranten.

Die Faschos hatten bereits für 10 Uhr nach Gràcia, einem linken Viertel von Barcelona, mobilisiert. Von dort aus wollten sie gemeinsam zur großen Demo stoßen und diese am Endpunkt davon überzeugen, bis direkt vors katalanische Parlament zu ziehen.

Beide Versuche gelangen nicht wirklich. Soweit wir wissen ist es in Gràcia nicht zu größeren Problemen mit den Faschos gekommen. Die Demo wurde nach der Abschlusskundgebung sehr schnell aufgelöst, wohl auch weil die Organisatoren vermeiden wollten, dass die immer betrunkeneren, offen faschistisch agierenden Gruppen die Veranstaltung noch weiter zur Eskalation trieben.

Statt also mit hunderttausenden das Parlament zu erobern, zu umzingeln oder was auch immer die Faschos geplant hatten, schaffte es lediglich eine kleine Truppe von ihnen in den Park, in dem das katalanische Parlament steht. Einige Wannen der Mossos, die blitzschnell aus Seitenstraßen auftauchten, riegelten den Park ab und die große Masse der Demonstranten wurde schleunigst in Züge verfrachtet und wieder nach Hause geschickt. Praktischerweise endete die Demo direkt an einem Bahnhof. Ein Schelm wer böses dabei denkt…

Was hat dieses Verhalten den Katalanen gebracht?

Sie haben Rajoy und den spanischen Zentralstaat erneut demaskiert.

Sie haben weder den Faschos, noch den “Bürgerlichen” eine Angriffsfläche geliefert, ganz im Gegenteil. Die nur äußerst geringe Polizeipräsenz sorgte dafür, dass es kaum Angriffspunkte gab, ebenso wie das Fernbleiben der Antifa und der bürgerlichen Gegenproteste. Der spanische Staat demonstrierte gestern quasi nur für sich selbst und zeigte dabei deutlich seine Schwächen auf.

Die Mainstream Medien in Spanien berichten von knapp 1 Million Menschen und behaupten, dass die Bilder der Fascho-Angriffe alle von anderen Demos stammen. Diese immer offensichtlichere Art der Propaganda wird Rajoy am Ende aber Stimmen kosten, nämlich genau die derjenigen, die gestern tatsächlich naiverweise nach Barcelona gekommen waren, um mit Hilfe des Dialogs eine Lösung zu finden. 

Weitere Lügen und Hetzkampagnen, die sich mit Hilfe des Internets leicht widerlegen lassen, werden dem spanischen Staat keinesfalls die Stärke wiedergeben, die er immer schneller verliert.

Viel mehr wird es zu einer weiteren Spaltung des Landes kommen, indem ein immer radikaler agierender Zirkel immer offener den Faschismus auslebt und eine immer größere Masse, gerade an jungen Leuten, immer schneller das Vertrauen in große Staaten im Allgemeinen verliert.

Was den gestrigen Tag ebenfalls vor größeren Katastrophen bewahrte, war das sonnige Wetter in Kombination mit viel, viel Bier bei den Faschos. Viele wirkten bereits mittags vollkommen betrunken und waren somit nach der Demo auch nicht mehr wirklich in der Lage um größere Aktionen zu starten.

Die Idee eine Art Chaos zu erzeugen, um dann die Aussetzung der katalanischen Autonomie durchzusetzen, hat nicht funktioniert, ganz im Gegenteil. Barcelona zeigte gestern vor allem eines sehr deutlich:

“Wir haben kein Interesse mehr am spanischen Staat.”

Am Dienstag wird Puidgemot höchstwahrscheinlich die Unabhängigkeit ausrufen. Was dann passiert weiß niemand.

Wir sind jetzt in der Universität, um mit der Generation der Unregierbaren zu sprechen und nachzuhören, in welcher Art von Katalonien sie leben wollen.

Die Unabhängigkeit ist für viele dieser jungen Leute nur der erste Schritt in die richtige Richtung.

Zur politischen Situation in Katalonien und zum gestrigen Tag in Barcelona empfehle ich außerdem diesen Artikel von telepolis.

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Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

2 Kommentare zu „Kampf um #Katalonien – #Rajoy hat sich in #Barcelona verzockt“

  1. Hi Victoria! Es ist schwer, am heutigen Montag noch an vernünftige Informationen zu kommen, Ralf Streck scheint die einzig verbliebene Quelle. Der Mainstram hat sich auf ein „Madrid ist toll“ bis „Katalunien, was ist das denn?“ reduziert. Deiner Einschätzung schließe ich mich voll und ganz an, die „950000“ von Bracelona war eine reine Kaffefahrt-Inszenierung. Lila, der letzte Versuch, nachdem Einschüchterung, Gewalt und starke Töne bei den Katalanen schlichtweg verdampften. Und jeder Aktion aus Madrid schweißt die Katalanen nur noch mehr zusammen. Einheit ist ein Bauchgefühl, oder? Das kann kann man nicht einfach in eine Verfassung hineinindoktrinieren. Aus Andalucia hört man auch schon Solidarisches, von den Basken sowieso, und so ist eine enorm interessante Gemengelage entstanden, nicht nur in Spanien.. Vamos ver…

    Ich habe dein charismatisches Video mal auf meine Blogseite gesetzt, ist das ok? Man sollte sich doch möglicht autark vernetzen, es wird noch viel zu tun geben bald. Und noch eins an Rajoy/Juncker/Merkel: Wie nennt man es noch, wenn der Staat massiv und systematisch abweichende Meinungen unterdrückt??? Genau!

    cb

    1. Hey, danke für deinen Kommentar. Interessant, dass du das so ähnlich einschätzt. In fast jedem Teil von Spanien gibt es inzwischen Unabhängigkeitsbestrebungen und selbst in Kastilien hört man mehr und mehr Kritik am spanischen Zentralstaat.

      Ja, du kannst mein Video, genau wie meine Artikel, Tweets und Postings gern überall verlinken und weiter verbreiten. Am liebsten natürlich mit einem Verweis aufs Original oder einen meiner Kanäle. Solidarische Grüße von der Uni in Barcelona

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