Warum es mich zurück ins Flüchtlingslager #Moria zieht


Ich sitze in einer improvisierten Hütte, die so etwas wie ein Café darstellen soll, direkt vor dem Camp Moria auf Lesbos und spreche mit meiner Freundin Shakiba aus Afghanistan über die Ideen des Anarchismus. Ich erzähle ihr von der spanischen Revolution, wo Frauen und Männer gleichberechtigt waren, wo Menschen gemeinsam gelebt haben, statt in Konkurrenz zueinander. Ein Lachen fliegt über ihr Gesicht. Sie nimmt meine Hand und drückt sie. “I love you, my sister. I love when you speak about this. I love this idea.”

Sie erzählt mir davon, dass sie studieren will und dann zurück gehen will, nach Afghanistan, um den Menschen dort zu helfen. Sie will die Welt besser machen, Ungerechtigkeiten abschaffen. Sie sieht keinen Unterschied zwischen mir und sich. Ich auch nicht. Wir sind uns so verdammt ähnlich, obwohl unsere Leben nicht unterschiedlicher sein könnten. Sie hat den Krieg erlebt, wurde von ihrem Onkel bedroht und ist deshalb mit ihrer Familie geflohen. Die Monate im Camp waren für sie und ihre Familie unfassbar schlimm. Der Vater ist krank. Bis heute ist er nicht umfassend behandelt worden. Immerhin leben sie inzwischen in einem Haus. Doch ein weiteres Problem bedroht die Familie. Es sieht so aus, als sollten sie bald alle weiterreisen dürfen, bzw. müssen. Alle, außer Shakiba. Sie ist jung und gesund, vor allem aber erwachsen und nicht schwanger. Beste Voraussetzungen, um auf Lesbos zu verrotten. Familien und Freunde auseinander reißen, das kann die Europäische Union, deren “demokratische” Werte wir überall auf der Welt gewaltvoll vermitteln. Denn diese Geschichte ist kein Einzelfall, sondern trauriger Alltag im Leben der vielen Geflüchteten in Europa.

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Meine Freundin Shakiba

Morgen werde ich in Düsseldorf ins Flugzeug steigen, nach Thessaloniki fliegen, dort fünf Stunden am Flughafen verbringen, bevor mich ein weiteres Flugzeug auf die kleine, griechische Insel Lesbos nahe der türkischen Küste bringt.

Lesbos war als Urlaubsparadies bekannt, bevor in 2015 dort tausende Geflüchtete strandeten, die von der Türkei aus mit kleinen Booten versuchten die sichere EU zu erreichen. Nach dem EU-Türkei-Deal wurden die größeren, griechischen Inseln, zu denen neben Lesbos auch Samos und Chios zählen, von der Europäischen Union zu Gefängnissen für die Flüchtlinge umfunktioniert. Erst wenn über ihren Asylantrag entschieden wurde, sollen sie aufs Festland weiterreisen dürfen. In der Praxis bedeutet das, dass es auf Lesbos mehrere Menschen gibt, die bereits über zwei Jahre warten. Diejenigen, die kein Asyl bekommen, sollen von den Inseln direkt wieder in die Türkei abgeschoben werden, wo sie sofort inhaftiert werden und unter noch schlimmeren Bedingungen leben müssen, als die Leute in Moria, dem größten Camp auf Lesbos.

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Das wilde Camp „Olive Grove“ vor Moria auf Lesbos im Januar 2018

Dem Camp haftet eine interessante Geschichte an, die kaum jemand kennt:

Ursprünglich war das Lager Moria für griechische Soldaten gedacht und es war äußerst komfortabel eingerichtet. Für griechische Soldaten galt es als großes Los nach Lesbos versetzt zu werden. Im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise wurde das Lager umfunktioniert und von 700 Plätzen erst auf knapp 2000 und dann noch einmal auf 2300 Plätze aufgestockt.*¹

Aktuell leben zwischen 7000 und 8000 Menschen in dem Camp und dem wilden Camp “Olive Grove” davor. Genaue Zahlen gibt es nicht. Sehr wohl gibt es die von den ankommenden Menschen auf Lesbos und denen, die abgeschoben werden, bzw. aufs Festland weiterreisen dürfen. Und diese Zahlen in Relation zueinander zeigen, dass die Zahl der Flüchtlinge, die auf Lesbos festgehalten wird, immer weiter ansteigt. Die Insel ist ein Pulverfass.

Die Versorgung der Menschen ist unter jeglichen Standards. Es gibt von allem zu wenig: Wasser, Nahrung, trockene und warme Schlafgelegenheiten, sanitäre Anlagen, medizinische Versorgung, usw.. Außerdem werden ethnische, nationale und kulturelle Konflikte mit Gerüchten angeheizt: “Babynahrung heute nur für syrische Babys.” Die Idee dahinter: Wenn die Geflüchteten gegenseitig verfeindet sind, schließen sie sich nicht zusammen, um gemeinsam für Veränderungen einzutreten.

Aktuell zeigt sich allerdings eine ganz andere Entwicklung, die wir und viele andere, immer wieder angestrebt haben: Es gibt mehr und mehr Solidarität und organisierten Protest und Widerstand gegen die unmenschlichen Lebensbedingungen in Moria. So gab es am 17. & 18. März internationale Aktionstage gegen die Situation in den Camps und den EU-Türkei-Deal.

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Demonstration vor dem Camp Moria auf Lesbos im Februar 2018

Gleichzeitig hören wir davon, dass die Repression gegen Geflüchtete und Aktivisten durch die Polizei und den Staat auf Lesbos aktuell wieder zugenommen hat. Es gibt vermehrt Kontrollen und Schikanen von Volunteers, die versuchen Geflüchtete zu unterstützen. Das sieht dann zum Beispiel so aus, dass man ein Auto voll mit sortierten Kleidungsstücken kurz vor Moria komplett ausladen und auspacken muss und stundenlang darauf warten muss, bis die Polizei jede Decke untersucht hat. Im schlimmsten Fall landet man erst mal auf der Wache, da die Gesetze zum Beispiel verbieten in privaten Autos öffentliche Arbeit zu leisten. Heißt: Spenden verteilen aus privaten Autos heraus, oder auch nur die bloße Beförderung damit, sind untersagt.

Wir werden sehen müssen, wie wir damit umgehen. Die Situation kann sich auf Lesbos und vor allem in Moria jeden Tag ändern. Pläne machen ist oft schwer und selten lassen sie sich so umsetzen, wie ursprünglich gedacht.

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Mit einem gemieteten Auto haben wir im Dezember 2017 für 1200 Euro Pampers und Babynahrung verteilt.

Und trotzdem mache ich sie natürlich, die Pläne. Ich bin dieses Mal gut vorbereitet. Die Arbeit von Cars Of Hope ist vielschichtig und umfangreich und reicht von der Dokumentation der Situation über Begleitung zu Ämtern, Ärzten oder anderen Einrichtungen bis hin zu Übersetzungen, dem Verteilen von Nahrungsmitteln, Medikamenten und anderen Gebrauchsgegenständen und dem einfachen Zuhören, wenn jemand reden möchte. Doch natürlich bin ich auch als Einzelperson vor Ort und nicht alles, was ich tue, tue ich für Cars Of Hope. Doch da wir in Kollektiven keine Konkurrenz zueinander kennen, ist das überhaupt kein Problem. Ich habe vor mich an der Portraitfotografie zu üben. Zwei wunderbare Frauen, die ich vor kurzem kennenlernen durfte, haben mich darauf gebracht. Mit meinem Huawei Mate 10 pro und der doppelten Leica-Linse ist da auch echt ziemlich viel möglich, ohne professionelle Spiegelreflexkamera, die ich nicht mit mir rumschleppen kann, während der Einsätze. Ich will Frauen porträtieren und ihre Geschichten erzählen, sowohl Geflüchtete, als auch Aktivistinnen und Volunteers. Davon wird natürlich auch Cars Of Hope profitieren, allerdings wird es ein so umfangreiches Projekt werden, dass es den Rahmen der kleinen Hilfsorganisation sprengen würde. Deshalb habe ich mich dazu entschieden das unter meinem eigenen Namen zu machen. Es ist ein feministisches, politisches Projekt, für das ich alleine die Verantwortung übernehme. Denn die Frauen sind, wie so häufig, unterdurchschnittlich repräsentiert, in diesem komplexen Thema. Von rechts aus wird versucht die weiblichen Geflüchteten unsichtbar zu machen. Von Mitte-Links aus werden sie häufig als Opfer dargestellt, die eine homogene Masse von unterdrückten, ungebildeten Frauen darstellt. Viel zu selten werden die einzelnen Lebensschicksale der Frauen dargestellt und fast nie wird die Stärke dieser Frauen gezeigt, obwohl sie ungleich härteren Bedingungen ausgesetzt sind. Sie müssen oft allein mit den Kindern fliehen, da die Männer sich bereits in Europa befinden und durch den ausgesetzten Familiennachzug nun ihre Familien nicht nachholen können, wie ursprünglich geplant. Sie sind Vergewaltigungen, Raub, Ausgrenzung, Unterdrückung und Diskriminierung noch schutzloser ausgeliefert. Und doch gibt es tausende, stille Heldinnen in Moria, die jeden Tag überleben, in diesem von der Europäischen Union erzeugten Horror. Heldinnen, die ihre Kinder erziehen und so kreativ die immensen Probleme, die ihnen durch die herrschende Politik bereitet werden, lösen.

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Die zwei waren heilfroh, dass sie nun ihre Babys versorgen konnten.

Cindy zieht an ihrer Zigarette, hält ihre zwei Hunde im Auge, spricht auf Arabisch mit Hossan*² und sieht mich dabei an. Ich kann sehen, dass sie in Gedanken bereits an einer Antwort auf Deutsch an mich feilt. Arabisch hat sie gelernt, während sie auf Lesbos mit Geflüchteten gearbeitet hat. Wir sind nachmittags zum Interview verabredet und haben uns zufällig in Mytilini getroffen. Später wird sie mir davon erzählen, wie der fast anderthalbjährige Aufenthalt auf Lesbos sie verändert hat und warum sie nun doch nach Deutschland zurück reist. In diesem Moment weiß ich noch nicht, dass das Interview bis heute nicht veröffentlicht wurde, weil so viel passiert ist und ich nach dem letzten Aufenthalt drei Wochen nahezu handlungsunfähig war. Ich hatte mich übernommen. Das wird mir nicht wieder passieren. Zumindest habe ich mir das vorgenommen und bin deshalb dieses Mal auch nur zwei Wochen vor Ort. Die knapp vier Wochen im Winter waren hart und haben mich zu viel Kraft gekostet. Gut, dass mir dieser Fehler passiert ist, denn ich habe viel daraus gelernt.

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Wir wurden von unseren Jungs in Moria immer mit Kaffee und Tee versorgt.

Es ist kalt und nieselt. Wir stehen an einem Taxistand. Ich fange an alle zu umarmen. Bei jedem Mal sammeln sich mehr Tränen in meinen Augen. Ich kann nicht glauben, dass ich die Jungs zurücklassen muss, in der Hölle von Moria. Warum nur darf ich mit dem seltsamen Plastikkärtchen, auf dem mein Name steht, in nahezu jedes Land auf diesem Planeten reisen und sie dürfen nicht mal diese beschissene Insel verlassen? Wut und Trauer mischen sich mit Hilflosigkeit. Das ist eine echt ätzende Mischung, die ich jetzt in unseren letzten Minuten nicht die Oberhand gewinnen lassen will. Ich weiß nicht, ob wir uns wiedersehen, aber ich sage etwas anderes zu den Männern um mich herum: “Eines Tages werden wir gewinnen und dann werden wir alle frei sein und wir werden feiern in Syrien, in Afghanistan, im Iran und Irak, in Deutschland, Spanien, Russland, Tunesien und Griechenland.”

Ich denke an die vielen Menschen, die gerade im Iran auf der Straße sind, um für ein gerechteres, politisches System zu demonstrieren. Ich denke an Katalonien, wo sich zigtausende von Menschen für Demokratie Polizeiknüppeln entgegen stellen. Ich denke an Nürnberg, wo Schüler die Polizei bei einer Deportation blockierten und an Duisburg, wo zivilgesellschaftlicher Protest Bivsi und ihre Familie nach Deutschland zurückgeholt hat. Und dann umarme ich Ali, mit dem ich mich so verbunden fühle, weil auch wir beide die gleichen Ideale und Träume haben. “Why crying, my sister?” flüstert er. Ich muss unter Tränen grinsen. “I’m not crying. It’s raining.” sage ich und wische mir das Gesicht ab. Wir verteilen ein wenig Geld, damit die Jungs mit dem Taxi nach Moria zurück fahren können. Den letzten Abend wollten wir in der Stadt verbringen, außerhalb von Matsch, Kälte und Gewalt. Jetzt müssen sie dorthin zurück, wie jede Nacht. Und das alles bloß, weil sie nicht so ein tolles Plastikkärtchen haben wie ich. Ein Zitat von Bertolt Brecht geht durch meinen Kopf.

“Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so eine einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.”

Bertolt Brecht – Flüchtlingsgespräche – 1940/41

 

*¹ Zahlen variieren je nach Quelle

*² Name von der Redaktion geändert

 

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Der Artikel ist Teil einer Serie. Dazu gehört eine Livesendung, die inzwischen aufgezeichnet ist und hier verfügbar ist und ein Video, welches ich morgen von Thessaloniki aus veröffentlichen werde. Die Hintergrundinfos zur Livesendung findet ihr hier.

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Autor: ★ Victory ★ Viktoria ★

Politisch aktiv seit 2010, im Wandel schon seit immer... :-P Hier findet ihr einen bunten Mix aus politischen und "privaten" Texten. Die Themen sind breit gefächert, aber, wie ich finde, halbwegs gut sortiert. Daher stöbert einfach mal rum und sucht euch das aus, was euch gefällt. Für mich lassen sich mein Alltag und mein Privatleben nicht vom politischen Aktivismus trennen. Denn die kapitalistischen Bedingungen haben weitreichende Folgen für jeden von uns. Der Kampf für ein besseres Leben muss in den Alltag integriert werden. Ich spreche Deutsch, Englisch und nun auch Spanisch. Dies eröffnet mir ganz neue Möglichkeiten mich zu vernetzen und zu informieren. Aktuell interessiere ich mich vor allem für die EZLN in Mexiko und natürlich die spanischen Widerstandsbewegungen. Ich würde mich als dem Anarchismus nahestehende Person bezeichnen, glaube aber nicht an fertige Lösungen, sondern nur an Ansätze, die gemeinsam mit der Bevölkerung entwickelt werden müssen. Die antikapitalistische, fertige Lösung dem jetzigen System überzustreifen, würde bedeuten, dass sich eben nichts ändert, weil sich in den Köpfen der Menschen nichts geändert hat. Ein Umdenken und der Wandel des Einzelnen sind das Einzige, was uns davor bewahrt ins Verderben zu schlittern. Denn seien wir mal ehrlich, wenn wir so weitermachen, ist der Planet in ein paar hundert Jahren spätestens sowieso unbewohnbar. Schon mein ganzes Leben lang bin ich angeeckt, weil ich mich nicht fertigen Modellen unterwerfen wollte. In der Schule nicht, in der Uni nicht, im Berufsleben nicht und schon drei Mal nicht bei linken Gruppen und Strukturen. Doch genau die sind es, die vielfach auf eine übelst autoritäre Weise jeden neuen Gedanken im Keim ersticken. Denn schon längst sind auch linke Gruppen Teil des neoliberalen, kapitalistischen Systems. Dort werden neue Gruppen eben als Konkurrenz angesehen, erst Recht, wenn sie nicht die exakt selben Vorgehensweisen haben, wie man selbst. Für mich definiert sich links sein wie folgt: "Ich informiere mich möglichst umfassend zu einem Thema und versuche mir anschließend meine eigene Meinung dazu zu bilden. Doch wann immer sich mir die Möglichkeit bietet, noch mehr darüber zu lernen, werde ich das tun und parallel dazu immer wieder an meiner eigenen Meinung arbeiten. Das kann bedeuten, dass ich im Laufe der Zeit meinen Standpunkt zu Themen mehrfach ändere. Doch das ist nichts wankelmütiges, denn es beruht auf einer Weiterentwicklung. Die Welt befindet sich in einem immerwährenden Wandel und nur, wenn auch wir bereit sind uns zu wandeln, können wir erreichen, dass sich Dinge zum Besseren ändern. "Hab keine Angst einen offenen Geist zu besitzen. Dein Gehirn wird nicht wegfliegen." im Original: "No tengas miedo de tener mente abierta, tu cerebro no va a salir volando." Das Zitat wird der EZLN in Mexiko zugeschrieben.

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