Gelebte Basisdemokratie in #Barcelona, #Katalonien 


21.10.2017 / 13:00 Uhr

Gestern waren wir mit einem Freund in Gràcia und Poble Sec, zwei linke Stadtteile in Barcelona, unterwegs, vor allem um abends an der Asamblea in Poble Sec teilzunehmen. Eine Asamblea ist eine Versammlung, in der basisdemokratisch geredet, entschieden und gearbeitet wird. Die Asambleas in Spanien organisieren sich vor allem anhand von zwei Kriterien: Region und Thema.

Das bedeutet, dass es für jedes Stadtviertel eine eigene Asamblea gibt und diese dann, je nach Themen noch einmal in kleinere Asambleas, also Arbeitsgruppen, unterteilt wird.

Schon die Vorbereitung war äußerst interessant:

Es wurde ein Lautsprecher mit Mikrofon aufgebaut. Aus einem sozialen Zentrum, was direkt am Rande des Platzes liegt, wurden Stühle gebracht, die in einem Kreis aufgestellt wurden. Die Organisation wurde von einigen Leuten übernommen, doch es waren vor allem Frauen, die sichtbar auftraten. Sie moderierten die gesamte Asamblea. Die Männer hielten sich eher im Hintergrund und kümmerten sich um Technik und Stühle. Auch aus Rojava kennt man die Betonung der feministischen Revolution und es hat mich persönlich sehr beeindruckt zu sehen, dass der Feminismus auch hier in Katalonien eine wichtige Rolle spielt.

Gestern wurden in Poble Sec einige Dinge besprochen. Doch da die allermeisten Teilnehmer Katalanisch sprachen, war es für mich relativ schwer alles zu verfolgen.

Es wurde jedoch noch einmal deutlich, wie unterschiedlich orientiert die Menschen in Katalonien sind, die sich in die Unabhängigkeitsbewegung einbringen.

Trotz dieser Diversität ist es mit dem Konsensprinzip möglich Einigungen zu erzielen und konstruktiv zu arbeiten. Dies wurde auch gestern wieder sehr gut sichtbar. Einige Teilnehmer äußerten sich kritisch über den Hype der gerade um die beiden Anführer der Unabhängigkeitsbewegung gemacht wird. Sie verwiesen darauf, dass es bereits einige politische Gefangene in Spanien gibt und warnten gleichzeitig davor, dass eine ständige Mobilisierung ohne konkretere Ansätze schnell zu einer Ermüdung der Bewegung führen kann. Sie betonten weiterhin, dass die Asambleas in den Stadtteilen und die Arbeit dieser viel wichtiger seien, als große Demonstrationen.

Mehrere Teilnehmer äußerten, dass es für sie nun kein Zurück mehr gäbe. Wenn Katalonien demokratischer werden solle, ginge das nur ohne den spanischen Zentralstaat. Und die Geschichte der letzten Jahre gibt ihnen in diesem Punkt Recht.

Immer wieder wurde betont, dass es nicht bloß darum ginge einen neuen Staat zu gründen, sondern eben vor allem darum, dass die Menschen, die hier leben, selbst entscheiden wollen, wie sie leben.

Am Ende entschied sich die Asamblea vor allem für zwei Dinge:

  1. Es soll ein gemeinsames Manifest des Stadtteils geschrieben werden, in dem klar formuliert wird, wie die Menschen in Poble Sec in Zukunft leben wollen.

  2. Man wird heute gemeinsam zur Demo für die beiden inhaftierten Anführer gehen. In Spanien ist das deutlich üblicher als in Deutschland. Für größere Demonstrationen gibt es in verschiedenen Stadtteilen oft jeweils “Zubringer-Demos”.

Wir übermittelten mit Hilfe einer Übersetzerin unsere solidarischen Grüße aus Deutschland und betonten, dass wir daran arbeiten auch außerhalb von Katalonien ein Solidaritätsnetzwerk aufzubauen. Dies wurde von allen Anwesenden mit Begeisterung aufgenommen.


Hier findet ihr ein kurzes Video von der gestrigen Asamblea. 


Heute werden wir wieder nach Poble Sec fahren, um die “Zubringer-Demo” zu begleiten und über die große Demo zu berichten. Wir können nur schlecht einschätzen, wie groß diese werden wird.

Gerade im Moment sind viele Katalanen verunsichert über die aktuelle Situation. Das Spiel auf Zeit, welches sich die Politik liefert und was wohl vor allem durch den Druck der EU auf beide Seiten entstanden ist, macht es für die Menschen hier sehr schwierig Entscheidungen zu treffen. Niemand weiß, wie es weitergehen wird und ob Rajoy tatsächlich eine Besetzung von Katalonien mit Polizei oder sogar der Armee durchzieht.

Um 13 Uhr gibt Rajoy eine Pressekonferenz, da die Kabinettssitzung der spanischen Regierung gerade zu Ende ist. Man vermutet, dass er über den Artikel 155 den Autonomiestatut von Katalonien aufgeben wird. Das wiederum, hat Puidgemot bereits angekündigt, wird aller Wahrscheinlichkeit nach dazu führen, dass Katalonien die Aussetzung der Unabhängigkeit aufhebt. Was dann passiert, kann niemand genau einschätzen. Doch da das Parlament von Spanien formell entscheiden muss, ob der Artikel 155 angewendet wird, wird sich die Situation in den kommenden Tagen wahrscheinlich nicht großartig verändern.

Morgen Abend gibt es eine Radiosendung über Katalonien, in der ich interviewt werde. Es wäre toll, wenn ihr alle einschaltet und vor allem vorher ein bisschen Werbung dafür macht.

Spenden, auch gern kleine Beträge, könnt ihr uns hier zukommen lassen.

Außerdem brauchen wir natürlich Aufmerksamkeit. Je mehr unsere Arbeit verbreitet wird, umso sicherer sind wir und die Menschen in Katalonien.

Die aktuellsten Nachrichten von uns findet ihr auf Twitter. Hier findet ihr meinen Account. Mein Mann arbeitet für das Kollektiv von Enough is Enough.

Wir bedanken uns bei allen, die uns bisher geholfen haben. Ohne euch wäre unsere Arbeit nicht möglich. 

Advertisements

#Spanien & #Katalonien – Statt Dialog Verhaftungen, Razzien & Drohungen



19.10.17 / 15:00 Uhr

Seit gestern Abend sind wir wieder in Barcelona, um live über die politische Situation in Katalonien zu berichten.

Bereits gestern Abend hat die katalanische Regierung bekannt gegeben, dass, falls die spanische Regierung den Artikel 155 einsetzt, um Katalonien den Autonomiestatut zu entziehen, sie sofort die Unabhängigkeit erklären. Die spanische Regierung antwortete darauf heute morgen recht deutlich:


  • Der Artikel 155 wird eingeleitet.

  • Ein junger Mann, der sich am 1. Oktober beim Referendum gegen Polizeigewalt verteidigte, wurde in Sants, einem linken Viertel von Barcelona, heute morgen verhaftet.

  • Ebenfalls gab es Razzien durch die Guardia Civil (spanische Polizei) bei den Mossos (katalanische Polizei) in Tarragona und Lleida.

Ein weiterer, interessanter Fakt ist die Tatsache, dass die spanische Regierung offenbar Druck auf Konzerne ausgeübt hat, damit diese sich aus Katalonien zurückziehen. Seat hat dies gestern öffentlich gemacht. Es bleibt abzuwarten, ob weitere Konzerne und Firmen dies ebenfalls tun.

Die Anarchisten in Katalonien fühlen sich von der Unabhängigkeitsbewegung ein wenig verraten, was durchaus nachzuvollziehen ist.

Viele, gerade aus dem bürgerlichen Lager, sprechen von den ersten politischen Gefangenen in Spanien.

Dies ist allerdings ein absoluter Witz, angesichts der Tatsache, dass verschiedene Anarchisten teilweise seit einem Jahr in spanischen Knästen festsitzen, nur aufgrund ihrer politischen Einstellung.

Für mehr Informationen darüber könnt ihr zunächst mal „Operation Pandora“ & „Operation Piñata“ googeln. 

Wir werden mit den Leuten von hier an einer internationalen Solidaritätskampagne arbeiten, um die spanischen politischen Gefangenen besser zu unterstützen und Informationen über ihre Situation auch im deutschsprachigen Raum verbreiten zu können. 


Heute Nachmittag gibt es einen Sternmarsch aus verschiedenen Stadtteilen zur Vertretung der spanischen Regierung in Barcelona. Wir werden teilnehmen und Bericht erstatten. Wir wissen nicht, was in den kommenden Tagen hier passieren wird. Wir rechnen aber mit allem und hoffen deshalb auf eure Unterstützung.

Spenden, auch gern kleine Beträge, könnt ihr uns hier zukommen lassen.


Außerdem brauchen wir natürlich Aufmerksamkeit. Je mehr unsere Arbeit verbreitet wird, umso sicherer sind wir und die Menschen in Katalonien.

Die aktuellsten Nachrichten von uns findet ihr auf Twitter. Hier findet ihr meinen Account. Mein Mann arbeitet für das Kollektiv von Enough is Enough.

Wir bedanken uns bei allen, die uns bisher geholfen haben. Ohne euch wäre unsere Arbeit nicht möglich. 

Kampf um #Katalonien – #Rajoy hat sich in #Barcelona verzockt


Gestern habe ich zum ersten Mal in meinem Leben an einer Fascho-Demo teilgenommen. Und ja, es war eine Fascho-Demo. Aus dem ganzen Land wurden Leute gratis nach Barcelona gekarrt, um dort für Rajoy und den spanischen Zentralstaat eine “schweigende Mehrheit” zu bilden.

Dieser Plan ist, genau wie alle anderen, komplett nach hinten losgegangen. Statt die über 800.000 Menschen, die sich am 3.10. beim Generalstreik in Barcelona beteiligten, zu übertreffen, kamen zu Rajoys Einheitsdemo gerade einmal rund 350.000 Menschen, die aus dem ganzen Land anreisten. Weiterlesen „Kampf um #Katalonien – #Rajoy hat sich in #Barcelona verzockt“

In #Katalonien und #Spanien brodelt die Gerüchteküche 


 

​In Barcelona geht das Alltagsleben weiter seinen Gang, aber unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Zahlreiche Gerüchte machen die Runde. Niemandem ist wirklich klar, wie es weitergeht. Die spanischen Nachrichten überschlagen sich mit Gerüchten und Hetze gegen die Katalanen, teilweise erinnern die Aussagen an die faschistischen Franco-Zeiten.

Weiterlesen „In #Katalonien und #Spanien brodelt die Gerüchteküche „

#Spanien rudert zurück – #Katalonien ebenfalls 


 

​Heute hat die spanische Regierung sich erstmals zu der heftigen Polizeigewalt während des Referendums geäußert.

Allerdings sei die katalanische Regierung für die Eskalation nach wie vor selbst verantwortlich. Eine Entschuldigung, die keine ist.

Ich vermute, dass die EU massiv Druck auf Rajoy ausgeübt hat und hinter verschlossenen Türen mit Spanien und Katalonien verhandelt hat. Denn nur kurze Zeit später äußerte sich der katalanische Präsident Puidgemot und verschob die vorher angekündigte Parlamentssitzung, in der die Unabhängigkeit verkündet werden sollte, von Montag auf Dienstag. Außerdem kündigte er an, dass man dann erst mal über die politische Situation Kataloniens sprechen müsse. Ganz anders klang es noch vor wenigen Tagen. Puidgemot: “Innerhalb von 48 Stunden nach dem offiziellen Ergebnis des Referendums erklären wir die Unabhängigkeit, wenn die Mehrheit mit Ja gestimmt hat.”

Weiterlesen „#Spanien rudert zurück – #Katalonien ebenfalls „

#Katalonien – Es droht ein #Bürgerkrieg in #Spanien


Gestern Abend hatten wir, genau wie heute Morgen, sehr gute und intensive Gespräche mit einigen Anarchisten, die allesamt äußerst besorgt wegen der aktuellen Situation sind.

Am Samstag gibt es Proteste in Barcelona gegen die Polizeigewalt in Murcia, wo Menschen seit Monaten den Bau einer Mauer quer durch die Stadt verhindern wollen. Solidarität ist also für die Katalanen selbst in so heftigen Zeiten wie diesen absolut selbstverständlich.

Für Sonntag ist eine große Fascho-Demo in Barcelona geplant und viele vermuten, dass Rajoy das nutzen wird, um Chaos in der Stadt zu erzeugen. Dann hat er einen Grund, um die Armee zu entsenden. Aus dem ganzen Land werden Busse voller Faschisten nach Barcelona gekarrt.

Weiterlesen „#Katalonien – Es droht ein #Bürgerkrieg in #Spanien“

Was passiert in #Katalonien? – Wir berichten live


Ich sitze im Flieger nach Barcelona und nutze die zwei Stunden, um einen kleinen Text darüber zu verfassen, was in Katalonien eigentlich wirklich passiert.

In 2011 kam in Spanien mit 15M die Basisdemokratie in Massen auf die Straße. Millionen beteiligten sich an Demos, aber vor allem an Asambleas (Vollversammlungen), die nach dem anarchistischen Prinzip der Räterepublik organisiert wurden, für jeden Stadtteil und jedes Thema eine.

Weiterlesen „Was passiert in #Katalonien? – Wir berichten live“