Katalonien


Aufgrund der aktuellen Entwicklungen und meiner weiter andauernden Berichterstattung über die Situation in Katalonien, habe ich mich dazu entschieden, einen eigenen Menüpunkt dafür anzulegen, damit alle Artikel gesammelt auffindbar sind.

Wir, mein Mann und ich, waren vom 5.10.2017 bis zum 9.10.2017 in Barcelona und werden am 18.10.2017 erneut dort hinfliegen, um über die Situation vor Ort zu berichten. Wir glauben nicht, dass die Mainstream Medien das in ausreichendem Maße tun und wir glauben nicht, dass es ein innerspanischer Konflikt ist. Vielmehr sehen wir in Katalonien ein Experiment sozialere Politik zu machen, innerhalb einer immer kapitalistischer, und damit verbunden, faschistischeren EU. Wir nehmen mit großer Sorge die immer weitere Eskalation der spanischen Regierung wahr und befürchten, auch aufgrund der immer gewälttätiger werdenden Fascho-Gruppen auf der Straße, einen Bürgerkrieg. Und wir sehen viele Parallelen zum spanischen Bürgerkrieg des letzten Jahrhunderts.

Der Konflikt in Katalonien steht sinnbildlich für eine EU-Politik, die sich immer weiter von der Bevölkerung entfernt, immer mehr auf Banken und Konzerne statt auf Menschen setzt. Auch im römischen Reich gab es einen Punkt, an dem sich die Herrschenden so weit von den Beherrschten entfernt hatten und die Schrauben der Repression und Staatsmacht so weit angedreht hatten, dass es den Beherrschten einfach reichte und ein großes, mächtiges Reich ins Straucheln kam. Nichts hält für die Ewigkeit und die aktuellen, politischen Entwicklungen weltweit können nicht ohne den Gesamtkontext gewertet werden.

Die Katalanen wollen vor allem deshalb die Unabhängigkeit, um endlich sozialere Politik zu machen, mehr Flüchtlinge aufzunehmen, das Recht auf Wohnen zu stärken und den Banken und Konzernen ihre Macht wegzunehmen. Der katalanische Nationalismus, ist genau wie der kurdische, nicht ethnisch. Katalonien besteht zu 70% aus Einwanderern und ist genau deshalb so stolz auf seine vielfältige Kultur.

Natürlich gibt es auch konservative Lager, die die Unabhängigkeit unterstützen, aber das tun sie vor allem deshalb, weil die Bevölkerung in den letzten Jahren durch anarchistisch organisierte Bildung und Vernetzung nach links gerutscht ist. Die Rechten taten das schon immer gern: Sie bedienen sich an Inhalten, Themen und Ideen der Linken und deuten diese für sich um. Nichts anderes tun konservative Kräfte in Katalonien. Und nichts anderes tun Faschos in den USA, wenn sie „Free Speech“ (Redefreiheit für alle) fordern.

Der Katalonien-Konflikt hat auch das Zeug dazu, in der linken Szene in Deutschland auszumisten. Denn anhand dieses Konflikts erkennt man, wem es in dieser Szene eigentlich um Inhalte geht. Warum?
In den vergangenen Wochen musste ich mir von etlichen „Linken“ und „Anarchisten“ anhören, das wäre kein Anarchismus in Katalonien. Trotz der zahlreichen Beweise, wie die zig selbstorganisierten Gruppen, die das Referendum erst möglich machten, der massenhafte zivile Ungehorsam und am 8.10.2017 dann schließlich die komplette Verweigerung eines Landes auf eine Provokation des spanischen Zentralstaates einzugehen. Einen separaten Artikel, der sich nur mit der Demo beschäftigt, findet ihr hier.

Warum tun „Linke“ und „Anarchisten“ so etwas?
Weil es ihnen eben nicht um die Sache, also um den Versuch sozialere Politik für alle zu machen geht, sondern um ihr Label. Sie haben für sich entschieden, wie Anarchismus oder „linke Politik“ auszusehen hat und definieren das größtenteils über Bewegungen und Anarchisten, die entweder schon tot sind oder in den letzten Zügen liegen.
Dass die Kurden in Rojava für Basisdemokratie kämpfen, hat inzwischen fast jeder verstanden. Dementsprechend wird auch meistens stillschweigend toleriert, dass Kurden auf Demos Fahnen mitbringen. Hierzulande sind Fahnen etwas furchtbar böses, weil sie eben meistens Nationalfahnen sind und Nationalfahnen stehen für eine Nation und die ist eben per se böse.

Wenn nun aber Katalanen mit ihren Nationalfahnen und ihrem Nationalismus mitten in Europa ein soziales Experiment wagen, dann muss man schon gut informiert sein, um zu verstehen, was dort eigentlich gerade passiert. Denn die Gegenseite, der Kapitalismus, arbeitet fleißig an der Denunzierung der Unabhängigkeitsbewegung. In die eine Richtung verbreitet er das Gerücht, das wären alles Linksradikale, die den Staat und damit verbunden seine Bevölkerung in Schutt und Asche legen möchte. In die andere Richtung wird verbreitet, dass es hauptsächlich Konservative wären, die dort agieren und dass es eben deshalb auch keine Solidarität von links geben dürfe.

Da unsere Szene so oberflächlich, schlecht vernetzt und unsolidarisch geworden ist und man sich lieber den Prinzipien der Ausgrenzung von anderen und der eigenen Aufwertung dadurch bedient, übrigens klassisch kapitalistisch und damit faschistisch, weiß kein Mensch, was eigentlich in Katalonien wirklich passiert.

Diejenigen, die darauf aufmerksam machen, werden denunziert, aus Facebook-Gruppen geschmissen, auf Twitter geblockt und beschimpft, ja sogar bedroht. Und hier zeigt sich dann eben auch sehr deutlich, wer wirklich eine bessere Welt will und wer nur sein eigenes Ego mit linken Labeln aufwertet.

Wir haben ein Problem mit Faschisten in den eigenen Reihen. Doch es ist keins, welches wir nicht lösen können. Denn im Grunde erkennt man diese Leute ganz einfach: Stelle ein „linkes Gesetz“ sachlich und mit Argumenten in Frage und warte auf die Reaktion.

Werden deine Argumente analysiert? Wird auf dich zugegangen, weil du Interesse und eigenständiges Denken zeigst? Wird dir wirklich erklärt, warum dieses „linke Gesetz“ sinnvoll ist? Wenn du auch nur eine dieser Fragen mit Nein beantworten kannst, sprichst du nicht mit Linken, sondern mit Pseudolinken, Postlinken oder auch ganz einfach, mit Rechten.

In meinen Augen macht es keinen Sinn sich mit solchen Leuten aufzuhalten. Da sie große Teile der „linken“ Strukturen in Deutschland kontrollieren, bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als alles selbst neu aufzubauen. Vielleicht ist das auch die Chance auf etwas Echtes und Nachhaltiges.

¡Viva Catalunya!
¡Viva la república!
¡Viva la anarquía!

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